Der Mythos Hybrid-Sorten: Krönung der Züchtung oder Teufelszeug?

IMG_6532In den letzten Tagen habe ich begonnen mich durch ein super-spannendes Buch durchzulesen. Carol Deppe beschreibt in ihrem Buch „Breed your own vegetable varieties“, wie man mit relativ geringem Aufwand Züchtung betreiben kann. Das Schöne an diesem Buch ist, dass es einerseits sehr praxisorientiert und verständlich ist, dabei aber gleichzeitig viel tiefer geht als ähnliche (auch für Laien verständliche) Publikationen. Gleichzeitig vermittelt es eine kritische Perspektive auf die Züchtungs-Industrie, ohne dabei in flache Parolen zu abzudriften.

Deppe erklärt in Kapitel 9, was es mit den sogenannten Hybridsorten auf sich hat, die einerseits von den Züchtungsunternehmen als Krönung der Züchtung beworben und von den „Ökos“ und Saatgut-Initiativen als Teufelszeug verdammt werden. Deppe räumt mit beiden Klischees in aller Gründlichkeit auf.

Ein vielzitierter Vorteil von Hybridsorten ist das besonders kräftige Wachstum und damit auch ein besonders hoher Ertrag im Vergleich zu samenfesten Sorten. Dies wird in der Biologie als Heterosis-Effekt bezeichnet. Dies gilt aber, wie Deppe erklärt, nur für bestimmte Kulturpflanzenarten, nämlich bei Fremdbestäubern, wie Mais, Raps, Steckrübe oder den verschiedenen Kohlsorten (z.B. Brokkoli, Blumenkohl, Kohlrabi und Weißkohl). Weiterlesen

Zwerg-Tomaten: die Chihuahuas unter den Tomaten

IMG_7333Neulich in einem Leipziger Baumarkt: eine Zwergtomate der Sorte „Balkontomate F1“. Gut zu erkennen ist der zwergenhafte Wuchs sowie die typischen gekräuselten Blätter.


Im letzten Herbst, als ich darüber nachgedacht habe, was ich gerne nächstes Jahr zusammen mit den Gärtnern aus unserem Gemeinschaftsgarten Querbeet kultivieren möchte, bin ich über die Zwerg-Tomaten gestolpert. Diese haben mich sofort fasziniert. Tomaten wachsen normalerweise unbegrenzt oder werden zumindest sehr groß und erfordern eine Stütze sowie das „Ausgeizen“ der Seitentriebe, um ihr wildes Wachstum im Garten zu kontrollieren. Tomaten sind also schon etwas aufwendiger zu kultivieren und müssen gewissermaßen gebändigt (eben kultiviert) werden. Wieso also nicht gleich eine Sorte züchten, die schon durch ihre genetische Ausstattung gebändigt ist? Die Zwerg-Tomaten-Sorten stellen die züchterisch-genetische Antwort auf diese Frage dar. Zwerg-Tomaten sind klein und platzsparend, müssen nicht ausgegeizt und angebunden werden. Zwerg-Tomaten sind sozusagen die Chihuahuas unter den Tomaten.

Craig LeHoullier, ein Tomaten-Experte aus North Carolina, berichtet in einem Interview, dass schon in den 1860ern die erste Zwerg-Tomatensorte von Frankreich in die USA gebracht wurde. Sie hatte den Namen „Chateau de Laye“. Auch in einem Saatgutkatalog von 1915 tauchte schon eine Zwergtomate mit dem Namen „New Big Dwarf“ auf. Allerdings gab es keine besondere Vielfalt an verschiedenen Zwergsorten, was Fruchtfarbe, Fruchtform und Größe anging. Deshalb hat Craig zusammen mit der australischen Züchterin Patrina Nuske Small das sogenannte Dwarf Tomato Project ins Leben gerufen. Weiterlesen

Alte Sorten V.S. neue Sorten und dialektische Evolution

Die Apfelsorte Alkmene. Sie wurde 1930 in Müncheberg gezüchtet und ging aus einer Kreuzung der Sorten Cox Orange und Geheimrat Dr. Oldenburg hervor. Foto von Sven Teschke,  Bildquelle Wikipedia


Vor kurzem erst bin ich bei einem großen Zeitungskiosk im Leipziger Hauptbahnhof über ein Sonderheft der Zeitschrift „Kraut und Rüben“ zum Thema „alte Sorten“ gestolpert. Blättert man durch dieses Werk, bekommt man den Eindruck alte Sorten lägen „voll im Trend“. Ähnliches scheinen einem die Organisationen zu vermitteln, die sich für die Erhaltung „alter“ Sorten einsetzen, wie Arche Noah, der VEN oder Pro Species Rara. Aber warum eigentlich? Der Rückgriff auf „alte“ Sorten ist eine durchaus sehr nachvollziehbare Gegenbewegung gegen eine ins Absurde gesteigerte Industrialisierung von Landwirtschaft und der Privatisierung von Leben. Dennoch birgt diese Berufung auf alte Sorten ihre eigene Gefahr, nämlich die der romantischen Verklärung und Mythenbildung. So bekommt man in den Kreisen von Ökogärtnern oft zu hören alte Sorten seien besser an regionale Ökosysteme angepasst, hätten mehr Resistenzen gegen Pathogene, seien geschmackvoller und enthielten weniger Allergene. Dies kann durchaus der Fall sein. Ein alleiniger Fokus auf „alte“ Sorten jedoch ist ein Irrweg und verkennt die dynamische Natur und Kultur unserer Kulturpflanzenvielfalt. Weiterlesen

Die unpatentierbare Tomate „Sunviva“: von Göttingen über Berlin nach Leipzig

IMG_7293Gestern war ich auf einer wirklich sehr inspirierenden Veranstaltung in Berlin im Magnus-Haus. Und ich konnte sogar etwas ganz Konkretes, Handfestes und Schönes nach Leipzig mit zurücknehmen: ein kleines Tütchen Saatgut und eine Tomaten-Jungpflanze der Sorte „Sunviva“. „Sunviva“ ist eine Freiland-Tomate und bekommt dementsprechend einen sonnigen Platz unter freiem Himmel in unserem Gemeinschaftsgarten Querbeet in Leipzig. Jungpflanze und Saatgut verkörpern aber nicht nur einen lebendigen Organismus, also Leben, sondern auch etwas Gesellschaftliches und Politisches. Denn das Saatgut dieser Tomate ist vor der Privatisierung durch Sortenschutz oder Patentierung geschützt. Diese Tomate ist gewissermaßen „unpatentierbar“. Sie ist ein geschütztes Gemeingut. Dies wird dadurch erreicht, dass die Sorte Sunviva, welche in einem Projekt an der Universität Göttingen gezüchtet wurde, unter eine Open Source Lizenz (OSL) gestellt wurde.

An dieser Stelle möchte ich die Inspiration, die ich von dieser Veranstaltung, den Menschen und von der Tomate mitgenommen habe, weitergeben. Weiterlesen

Die erste Open Source Tomate in Deutschland: Sortenvielfalt als gesichertes Gemeingut

Bildschirmfoto 2017-04-16 um 23.15.37Foto Oben: Die erste Tomatensorte, die in Deutschland unter einer Open Source Lizenz vertrieben wird: „Sunviva“. Diese wurde in einem Projekt der Universität Göttingen entwickelt.


Zur Zeit gibt es viel Wind um die Konzentrationsbewegungen auf dem Saatgutmarkt. Aller Voraussicht nach werden die zukünftigen Top 3  Unternehmen zwei Drittel des weltweiten kommerziellen Saatgutmarktes kontrollieren: ChemChina übernimmt den Schweizer Saatgutproduzenten Syngenta, Bayer kauft Monsanto und die US-Konzerne Dow und Dupont werden fusionieren.

Neben dem großen Marktanteil der drei zukünftigen Saatgut-Chemie-Riesen am globalen Umsatz von Saatgut ist aber auch die Konzentration einer Schlüsselressource in wenigen Händen entscheidend: die genetische Vielfalt, die in den privaten Genbänken der Unternehmen schlummert und zu einem erheblichen Teil durch geistige Eigentumsrechte, z.B. durch Patente und den Sortenschutz geschützt ist. Dies ist das Biokapital, welches den fortwährenden Strom an Lebensmitteln, Kraftstoffen, Medikamenten und Baumaterialien liefert, auf dem unsere Gesellschaft fußt. Diese Anhäufung von Biokapital in privaten Genbänken ist für die Öffentlichkeit unsichtbar, verleiht den Konzernen aber eine erhebliche ökonomische und gesellschaftliche Macht.

Aber statt dieses nur zu beklagen finde ich das praktische Experimentieren mit Alternativen viel spannender. In den USA hat sich eine Open Source Seed Initiative gebildet, die mit einer Art Open Source Lizenz-System ein Gegenmodell zur privatrechtlichen Aneignung von Biokapital schaffen will. Weiterlesen

Samenlose Tomaten durch CRISPR/Cas Genome Editing

Jeder kennt samenlose Früchte aus dem Alltag. Vor allem Bananen und Trauben aber auch Zitrusfrüchte, die man im Supermarkt kaufen kann, sind oft samenlos. Und schaut man sich mal die samentragende Wildform der Bananen an, scheint diese Samenlosigkeit durchaus sinnvoll zu sein. Niemand möchte auf riesigen und bitteren Samen herumkauen.

Nun hat eine Gruppe japanischer Forscher samenlose Tomatenfrüchte erzeugt und dafür die Genome Editing Technik CRISPR/Cas eingesetzt. Samenlose Tomatensorten können auch durch die „klassische“ Gentechnik oder Kreuzungszucht erzeugt werden allerdings wohl mit erheblich mehr Aufwand. In diesem Fall haben die Forscher ein Gen ausgeschaltet (gene knockout), welches die Fruchtbildung ohne Bestäubung unterdrückt. Dadurch werden Früchte auch ohne Bestäubung mit Pollen und anschließender Befruchtung der Eizellen gebildet. In der Pflanzenwelt wird dies als Parthenokarpie bezeichnet. Da kein Gen aus einer anderen Art eingefügt wurde, handelt es sich gewissermaßen um naturidentische gentechnisch veränderte Organismen (nGVO). Weiterlesen

Die Entstehung der Kulturpflanzenvielfalt früher und heute: der Differenzierungs-Hybridisierungs-Zyklus

Bild Links: Rauweizen, Hartweizen, Polnischer Weizen und Dinkel. Von Amédée Masclef – Atlas des plantes de France. 1891, Quelle Wikipedia.


Eine spannende Frage, die mich gerade umtreibt, ist folgende: Wie entsteht eigentlich unsere Kulturpflanzenvielfalt? Und: Gibt es für diese Frage eine Erklärung, die für alle verschiedenen landwirtschaftlichen Systeme, ob bäuerliche Landwirtschaft, techno-industrielle Landwirtschaft oder Hobbygartensysteme gilt? Ja, es gibt sie und ich möchte sie hier kurz vorstellen. Jack R. Harlan hat die Erklärung in seinem fantastischen Buch „Crops and Man“ von 1992 niedergeschrieben und ich habe sie kürzlich für mich entdeckt (auf den Seiten 123 bis 127).

Die Entstehung der Kulturpflanzenvielfalt lässt sich sehr gut an den historischen bäuerlichen Landwirtschaftssystemen erklären, die es vor der Industrialisierung überall auf der Welt gab. Die Bäuerinnen waren damals wie heute durch die Kultivierung von Feldern und Gärten an einen festen Ort gebunden. Ein Teil der Ernte, z.B. des Weizens, wurde immer zur Saatgutgewinnung zurückbehalten. Innerhalb gewisser regionaler Räume fand auch ein Saatgutaustausch statt. Dadurch waren auf lokaler Ebene die Weizensorten gut genetisch durchmischt. Zwischen weiter entfernten landwirtschaftlichen Regionen fand ein sehr viel geringerer Austausch von Saatgut statt. Nur gelegentlich fand Saatgut aus einer Region den Weg in eine andere landwirtschaftliche Region. Dadurch konnten sich der Weizen und andere Kulturpflanzen durch Selektionsprozesse an die regionalen Ökosysteme und Kulturbedingungen anpassen und bildeten das, was wir heute als Landsorten bezeichnen. Weiterlesen