Archiv für den Monat April 2017

Die unpatentierbare Tomate „Sunviva“: von Göttingen über Berlin nach Leipzig

IMG_7293Gestern war ich auf einer wirklich sehr inspirierenden Veranstaltung in Berlin im Magnus-Haus. Und ich konnte sogar etwas ganz Konkretes, Handfestes und Schönes nach Leipzig mit zurücknehmen: ein kleines Tütchen Saatgut und eine Tomaten-Jungpflanze der Sorte „Sunviva“. „Sunviva“ ist eine Freiland-Tomate und bekommt dementsprechend einen sonnigen Platz unter freiem Himmel in unserem Gemeinschaftsgarten Querbeet in Leipzig. Jungpflanze und Saatgut verkörpern aber nicht nur einen lebendigen Organismus, also Leben, sondern auch etwas Gesellschaftliches und Politisches. Denn das Saatgut dieser Tomate ist vor der Privatisierung durch Sortenschutz oder Patentierung geschützt. Diese Tomate ist gewissermaßen „unpatentierbar“. Sie ist ein geschütztes Gemeingut. Dies wird dadurch erreicht, dass die Sorte Sunviva, welche in einem Projekt an der Universität Göttingen gezüchtet wurde, unter eine Open Source Lizenz (OSL) gestellt wurde.

An dieser Stelle möchte ich die Inspiration, die ich von dieser Veranstaltung, den Menschen und von der Tomate mitgenommen habe, weitergeben. Weiterlesen

Die erste Open Source Tomate in Deutschland: Sortenvielfalt als gesichertes Gemeingut

Bildschirmfoto 2017-04-16 um 23.15.37Foto Oben: Die erste Tomatensorte, die in Deutschland unter einer Open Source Lizenz vertrieben wird: „Sunviva“. Diese wurde in einem Projekt der Universität Göttingen entwickelt.


Zur Zeit gibt es viel Wind um die Konzentrationsbewegungen auf dem Saatgutmarkt. Aller Voraussicht nach werden die zukünftigen Top 3  Unternehmen zwei Drittel des weltweiten kommerziellen Saatgutmarktes kontrollieren: ChemChina übernimmt den Schweizer Saatgutproduzenten Syngenta, Bayer kauft Monsanto und die US-Konzerne Dow und Dupont werden fusionieren.

Neben dem großen Marktanteil der drei zukünftigen Saatgut-Chemie-Riesen am globalen Umsatz von Saatgut ist aber auch die Konzentration einer Schlüsselressource in wenigen Händen entscheidend: die genetische Vielfalt, die in den privaten Genbänken der Unternehmen schlummert und zu einem erheblichen Teil durch geistige Eigentumsrechte, z.B. durch Patente und den Sortenschutz geschützt ist. Dies ist das Biokapital, welches den fortwährenden Strom an Lebensmitteln, Kraftstoffen, Medikamenten und Baumaterialien liefert, auf dem unsere Gesellschaft fußt. Diese Anhäufung von Biokapital in privaten Genbänken ist für die Öffentlichkeit unsichtbar, verleiht den Konzernen aber eine erhebliche ökonomische und gesellschaftliche Macht.

Aber statt dieses nur zu beklagen finde ich das praktische Experimentieren mit Alternativen viel spannender. In den USA hat sich eine Open Source Seed Initiative gebildet, die mit einer Art Open Source Lizenz-System ein Gegenmodell zur privatrechtlichen Aneignung von Biokapital schaffen will. Weiterlesen

Samenlose Tomaten durch CRISPR/Cas Genome Editing

Jeder kennt samenlose Früchte aus dem Alltag. Vor allem Bananen und Trauben aber auch Zitrusfrüchte, die man im Supermarkt kaufen kann, sind oft samenlos. Und schaut man sich mal die samentragende Wildform der Bananen an, scheint diese Samenlosigkeit durchaus sinnvoll zu sein. Niemand möchte auf riesigen und bitteren Samen herumkauen.

Nun hat eine Gruppe japanischer Forscher samenlose Tomatenfrüchte erzeugt und dafür die Genome Editing Technik CRISPR/Cas eingesetzt. Samenlose Tomatensorten können auch durch die „klassische“ Gentechnik oder Kreuzungszucht erzeugt werden allerdings wohl mit erheblich mehr Aufwand. In diesem Fall haben die Forscher ein Gen ausgeschaltet (gene knockout), welches die Fruchtbildung ohne Bestäubung unterdrückt. Dadurch werden Früchte auch ohne Bestäubung mit Pollen und anschließender Befruchtung der Eizellen gebildet. In der Pflanzenwelt wird dies als Parthenokarpie bezeichnet. Da kein Gen aus einer anderen Art eingefügt wurde, handelt es sich gewissermaßen um naturidentische gentechnisch veränderte Organismen (nGVO). Weiterlesen