Der urbane Gemeinschaftsgarten als Lernort für Kinder und Erwachsene

Foto links: das Gewächshaus im Gemeinschaftsgarten Querbeet. Zu sehen sind vor allem verschiedene Chili- und Tomaten-Sorten.


In dieser Garten-Saison habe ich in unserem Gemeinschaftsgarten Querbeet Vieles gelernt und Neues gesehen. Z.B. habe ich gelernt, wie wichtig ein guter Boden bei der Anzucht von Chilis ist (ein Großteil meiner Chilis ist aufgrund schlechter Erde leider eingegangen), wie wilde Chili-Pflanzen aussehen, wie man Hochbeete repariert, wie die Blüten von Knoblauch aussehen, dass kartoffelblättrige Tomaten andere Blüten haben als normalblättrige Tomaten (was dazu führt, dass kartoffelblättrige Tomaten sich eher verkreuzen als normalblättrige), dass sich aus F2 Hybriden aus dem Supermarkt gute Chili-Pflanzen ziehen lassen und wie Zwergtomaten aussehen.

Vor ein paar Tagen habe ich auch mal anderen Menschen beim Lernen im Garten zugeschaut. Letzten Montag war eine 3. Schulklasse, angeleitet von LehramtsstudentInnen, in unserem Gemeinschaftsgarten Querbeet. Organisiert hatte dies Marius Brauer, seines Zeichens angehender Lehrer und Gemeinschaftsgärtner im Querbeet. Marius hat mich liebenswerterweise eingeladen ihn bei dem Besuch der Kinder in unserem Garten zu unterstützen. Weiterlesen

Knoblauch als evolutionäre Sackgasse oder züchterische Herausforderung

IMG_6670Foto oben: Hier gedeiht Knoblauch in unserem Gemeinschaftsgarten Querbeet in Leipzig.


Bisher habe ich mich, außer in der Küche, nicht viel mit Knoblauch beschäftigt. Vor kurzem habe ich aber an einer Züchter-Fortbildung von Kultursaat in Bingenheim teilgenommen und Sonja Lange getroffen, die diesen Kurs organisiert und … Knoblauch züchtet. Knoblauchzüchtung ist etwas ganz Besonderes. Züchtung beruht oft auf der Kreuzung verschiedener Sorten, um Vielfalt zu kreieren, aus der man bestimmte Pflanzen mit gewünschten Eigenschaften selektieren kann. Dies ist wichtig, um z.B. Sorten zu züchten, die Resistenzen gegen neue Krankheitserreger tragen. Bei Knoblauch ist eine solche Kreuzungszüchtung aber nicht ohne weiteres machbar.

Knoblauch gehört zu den Blütenpflanzen (Angiospermen), deren geschlechtliche Fortpflanzung durch die Blüten erfolgt. Allerdings wird der kultivierte Knoblauch (Allium sativum) immer ungeschlechtlich über sogenannte Brutzwiebeln vermehrt. Kulturknoblauch bildet meist entweder überhaupt keine oder aber nur sterile Blüten. Knoblauch kann also keinen Sex. Knoblauch fehlt damit eine wesentliche Eigenschaft zur Anpassung an eine sich verändernde Umwelt. Bei Knoblauch handelt es sich also gewissermaßen um eine evolutionäre Sackgasse. Oder aber, positiv gewendet, um eine züchterische Herausforderung. Weiterlesen

Der Mythos Hybrid-Sorten: Krönung der Züchtung oder Teufelszeug?

IMG_6532In den letzten Tagen habe ich begonnen mich durch ein super-spannendes Buch durchzulesen. Carol Deppe beschreibt in ihrem Buch „Breed your own vegetable varieties“, wie man mit relativ geringem Aufwand Züchtung betreiben kann. Das Schöne an diesem Buch ist, dass es einerseits sehr praxisorientiert und verständlich ist, dabei aber gleichzeitig viel tiefer geht als ähnliche (auch für Laien verständliche) Publikationen. Gleichzeitig vermittelt es eine kritische Perspektive auf die Züchtungs-Industrie, ohne dabei in flache Parolen zu abzudriften.

Deppe erklärt in Kapitel 9, was es mit den sogenannten Hybridsorten auf sich hat, die einerseits von den Züchtungsunternehmen als Krönung der Züchtung beworben und von den „Ökos“ und Saatgut-Initiativen als Teufelszeug verdammt werden. Deppe räumt mit beiden Klischees in aller Gründlichkeit auf.

Ein vielzitierter Vorteil von Hybridsorten ist das besonders kräftige Wachstum und damit auch ein besonders hoher Ertrag im Vergleich zu samenfesten Sorten. Dies wird in der Biologie als Heterosis-Effekt bezeichnet. Dies gilt aber, wie Deppe erklärt, nur für bestimmte Kulturpflanzenarten, nämlich bei Fremdbestäubern, wie Mais, Raps, Steckrübe oder den verschiedenen Kohlsorten (z.B. Brokkoli, Blumenkohl, Kohlrabi und Weißkohl). Weiterlesen

Zwerg-Tomaten: die Chihuahuas unter den Tomaten

IMG_7333Neulich in einem Leipziger Baumarkt: eine Zwergtomate der Sorte „Balkontomate F1“. Gut zu erkennen ist der zwergenhafte Wuchs sowie die typischen gekräuselten Blätter.


Im letzten Herbst, als ich darüber nachgedacht habe, was ich gerne nächstes Jahr zusammen mit den Gärtnern aus unserem Gemeinschaftsgarten Querbeet kultivieren möchte, bin ich über die Zwerg-Tomaten gestolpert. Diese haben mich sofort fasziniert. Tomaten wachsen normalerweise unbegrenzt oder werden zumindest sehr groß und erfordern eine Stütze sowie das „Ausgeizen“ der Seitentriebe, um ihr wildes Wachstum im Garten zu kontrollieren. Tomaten sind also schon etwas aufwendiger zu kultivieren und müssen gewissermaßen gebändigt (eben kultiviert) werden. Wieso also nicht gleich eine Sorte züchten, die schon durch ihre genetische Ausstattung gebändigt ist? Die Zwerg-Tomaten-Sorten stellen die züchterisch-genetische Antwort auf diese Frage dar. Zwerg-Tomaten sind klein und platzsparend, müssen nicht ausgegeizt und angebunden werden. Zwerg-Tomaten sind sozusagen die Chihuahuas unter den Tomaten.

Craig LeHoullier, ein Tomaten-Experte aus North Carolina, berichtet in einem Interview, dass schon in den 1860ern die erste Zwerg-Tomatensorte von Frankreich in die USA gebracht wurde. Sie hatte den Namen „Chateau de Laye“. Auch in einem Saatgutkatalog von 1915 tauchte schon eine Zwergtomate mit dem Namen „New Big Dwarf“ auf. Allerdings gab es keine besondere Vielfalt an verschiedenen Zwergsorten, was Fruchtfarbe, Fruchtform und Größe anging. Deshalb hat Craig zusammen mit der australischen Züchterin Patrina Nuske Small das sogenannte Dwarf Tomato Project ins Leben gerufen. Weiterlesen

Alte Sorten V.S. neue Sorten und dialektische Evolution

Die Apfelsorte Alkmene. Sie wurde 1930 in Müncheberg gezüchtet und ging aus einer Kreuzung der Sorten Cox Orange und Geheimrat Dr. Oldenburg hervor. Foto von Sven Teschke,  Bildquelle Wikipedia


Vor kurzem erst bin ich bei einem großen Zeitungskiosk im Leipziger Hauptbahnhof über ein Sonderheft der Zeitschrift „Kraut und Rüben“ zum Thema „alte Sorten“ gestolpert. Blättert man durch dieses Werk, bekommt man den Eindruck alte Sorten lägen „voll im Trend“. Ähnliches scheinen einem die Organisationen zu vermitteln, die sich für die Erhaltung „alter“ Sorten einsetzen, wie Arche Noah, der VEN oder Pro Species Rara. Aber warum eigentlich? Der Rückgriff auf „alte“ Sorten ist eine durchaus sehr nachvollziehbare Gegenbewegung gegen eine ins Absurde gesteigerte Industrialisierung von Landwirtschaft und der Privatisierung von Leben. Dennoch birgt diese Berufung auf alte Sorten ihre eigene Gefahr, nämlich die der romantischen Verklärung und Mythenbildung. So bekommt man in den Kreisen von Ökogärtnern oft zu hören alte Sorten seien besser an regionale Ökosysteme angepasst, hätten mehr Resistenzen gegen Pathogene, seien geschmackvoller und enthielten weniger Allergene. Dies kann durchaus der Fall sein. Ein alleiniger Fokus auf „alte“ Sorten jedoch ist ein Irrweg und verkennt die dynamische Natur und Kultur unserer Kulturpflanzenvielfalt. Weiterlesen

Die unpatentierbare Tomate „Sunviva“: von Göttingen über Berlin nach Leipzig

IMG_7293Gestern war ich auf einer wirklich sehr inspirierenden Veranstaltung in Berlin im Magnus-Haus. Und ich konnte sogar etwas ganz Konkretes, Handfestes und Schönes nach Leipzig mit zurücknehmen: ein kleines Tütchen Saatgut und eine Tomaten-Jungpflanze der Sorte „Sunviva“. „Sunviva“ ist eine Freiland-Tomate und bekommt dementsprechend einen sonnigen Platz unter freiem Himmel in unserem Gemeinschaftsgarten Querbeet in Leipzig. Jungpflanze und Saatgut verkörpern aber nicht nur einen lebendigen Organismus, also Leben, sondern auch etwas Gesellschaftliches und Politisches. Denn das Saatgut dieser Tomate ist vor der Privatisierung durch Sortenschutz oder Patentierung geschützt. Diese Tomate ist gewissermaßen „unpatentierbar“. Sie ist ein geschütztes Gemeingut. Dies wird dadurch erreicht, dass die Sorte Sunviva, welche in einem Projekt an der Universität Göttingen gezüchtet wurde, unter eine Open Source Lizenz (OSL) gestellt wurde.

An dieser Stelle möchte ich die Inspiration, die ich von dieser Veranstaltung, den Menschen und von der Tomate mitgenommen habe, weitergeben. Weiterlesen

Die erste Open Source Tomate in Deutschland: Sortenvielfalt als gesichertes Gemeingut

Bildschirmfoto 2017-04-16 um 23.15.37Foto Oben: Die erste Tomatensorte, die in Deutschland unter einer Open Source Lizenz vertrieben wird: „Sunviva“. Diese wurde in einem Projekt der Universität Göttingen entwickelt.


Zur Zeit gibt es viel Wind um die Konzentrationsbewegungen auf dem Saatgutmarkt. Aller Voraussicht nach werden die zukünftigen Top 3  Unternehmen zwei Drittel des weltweiten kommerziellen Saatgutmarktes kontrollieren: ChemChina übernimmt den Schweizer Saatgutproduzenten Syngenta, Bayer kauft Monsanto und die US-Konzerne Dow und Dupont werden fusionieren.

Neben dem großen Marktanteil der drei zukünftigen Saatgut-Chemie-Riesen am globalen Umsatz von Saatgut ist aber auch die Konzentration einer Schlüsselressource in wenigen Händen entscheidend: die genetische Vielfalt, die in den privaten Genbänken der Unternehmen schlummert und zu einem erheblichen Teil durch geistige Eigentumsrechte, z.B. durch Patente und den Sortenschutz geschützt ist. Dies ist das Biokapital, welches den fortwährenden Strom an Lebensmitteln, Kraftstoffen, Medikamenten und Baumaterialien liefert, auf dem unsere Gesellschaft fußt. Diese Anhäufung von Biokapital in privaten Genbänken ist für die Öffentlichkeit unsichtbar, verleiht den Konzernen aber eine erhebliche ökonomische und gesellschaftliche Macht.

Aber statt dieses nur zu beklagen finde ich das praktische Experimentieren mit Alternativen viel spannender. In den USA hat sich eine Open Source Seed Initiative gebildet, die mit einer Art Open Source Lizenz-System ein Gegenmodell zur privatrechtlichen Aneignung von Biokapital schaffen will. Weiterlesen