Erhalter-Ringe für Tomaten und Bohnen: engagierte GärtnerInnen gesucht

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Ringe sind nicht nur schön. Fotoquelle Pixabay.


Der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) ist gerade dabei sein Konzept für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt zu überarbeiten. Das bisherige System war ein Patensystem in dem bestimmte besonders wertvolle Sorten einzelnen Paten zur Erhaltung übergeben wurden. Dadurch lastete die Verantwortung für die Erhaltung einer Sorte überwiegend auf einer einzelnen Person. Nun hat der VEN ein neues Erhaltungskonzept eingeführt: Erhalter-Ringe. In Erhalter-Ringen kümmern sich mehrere Gärtnerinnen um jeweils eine Sorte. Falls jemand mal keine gute Samenernte hat oder aus vielfaltigen Gründen ein Jahr den Anbau aussetzen muss, dann gibt es immer noch andere Erhalter, die Saatgut produzieren. Der VEN startet mit Erhalterringen zu Tomaten und Bohnen, da hier der Samenbau kaum von der normalen Nutzung in Garten und Küche abweicht. Bei diesen Kulturen – Bohnen und Tomaten sind einjährig und überwiegend selbstbefruchtend – lässt sich der Samenbau leicht in den gärtnerischen Alltag integrieren (anders als bei Fremdbefruchtern und mehrjährigen Kulturen) und ist auch ohne Kenntisse auf Profi-Level möglich.

Die Ringe sollten sich prinzipiell dezentral organisieren, werden aber vom VEN in ihrer Arbeit durch Fachgruppen unterstützt. Bisher wurden Fachgruppen für Bohnen und Tomaten (bei letztere bin auch ich involviert) eingerichtet. Die Fachgruppen werden den Erhalterringen z.B. Tips für die Saatgutproduktion und die Kulturführung sowie einfache Boniturbögen zur Verfügung stellen. Saatgutreserven werden z.B. von der Fachgruppe Tomaten zentral als Backup gelagert.  Weiterlesen

Reduktion und Infusion von Vielfalt: dialektische Evolution der Kulturpflanzen

Foto Links: Tomaten-Vielfalt. Autor des Fotos ist das Informations- und Koordinationszentrum für Biologische Vielfalt (IBV) der BLE, Quelle Wikipedia.


Wo man auch hinsieht überall gibt es Lobgesänge auf die Vielfalt und insbesondere die biologische Vielfalt. Biologische Vielfalt sei die Grundlage für natürliche Ökosysteme, für Agrarsysteme, unsere Lebensmittel und damit das menschliche Leben und die gesamte Gesellschaft überhaupt. Ich selbst engagiere mich im VEN für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt und arbeite im Rahmen eines Projektes an der Universität Kassel, welches sich der Frage widmet, wie man wieder mehr Kulturpflanzenvielfalt in die Landwirtschaft integrieren kann. Ich bin durchaus überzeugt, dass diese Engagements Sinn machen aber trotzdem, ich komme nicht darum herum diese kritische Frage zu stellen: Ist die biologische Vielfalt – insbesondere bei den Kulturpflanzen – tatsächlich so zentral wie es scheint?

Biologische Vielfalt als gesellschaftliches Phänomen und Brückenkonzept

Die enorme Bedeutung der biologischen Vielfalt in der gesellschaftlichen Debatte sollte hellhörig machen. Ein kritischer Betrachter kann – selbst wenn er wie ich ein Faible für die Kulturpflanzenvielfalt hat – dies nicht einfach als gegeben hinnehmen.

Die kritischen qualitativen Sozialwissenschaften bieten hier sehr hilfreiche Einsichten. Diese haben nämlich Konzepte entwickelt, um solche gesellschaftliche Debatten kritisch zu hinterfragen, bzw. wie der geneigte Sozialwissenschaftler sagen würde, diese zu „dekonstruieren“. Weiterlesen

Die Zukunft des Weizens: Hybrid-Züchtung, Genome Editing oder evolutionäre Züchtung?

Foto links: reife Weizenähren. von H.J. Sydow, Wikimedia Commons, Quelle Wikipedia.


Derzeit habe ich ziemlich viel mit Weizen in meinem Alltag zu tun und zwar nicht nur mit verarbeiteten Weizenprodukten, wie Brot, Gebäck und Bier. Zur Zeit versorge, ernte und vermesse ich zusammen mit Kollegen von der Uni Kassel kleine Weizen-Pflänzchen, die in Hydroponik-Anlagen wachsen. Vor kurzem habe ich einige der Pflänzchen in kleine Töpfe gepflanzt. Da freut sich das Gärtner-Herz.

Gleichzeitig ist die Pflanzenzüchtung zu einem brisanten gesellschaftlichen Thema geworden. Einerseits werden neue technologische Entwicklungen für die Züchtung, wie Genome Editing und naturidentische gentechnisch veränderte Organismen (nGVO) diskutiert. Demgegenüber stehen die Bemühungen vieler ökologischer Züchter wieder zur Populations-Züchtung überzugehen. Neben den Züchtungsmethoden wird aber auch über die Privatisierung der Kulturpflanzenvielfalt gestritten, insbesondere vor dem Hintergrund der Übernahme von Monsanto durch Bayer.

Aus diesem Anlass möchte ich kurz verschiedene Züchtungsansätze darstellen. An dieser Stelle möchte ich mich auf die Weizenzüchtung beschränken, die sich aber immerhin einer unserer wichtigsten Kulturpflanzen widmet. Derzeit gibt es verschiedene parallele Strömungen in der aktuellen Weizenzüchtung. Weiterlesen

Inspirierende Mischkulturen im hessischen Hochland: Linse-Hafer und Linse-Leindotter

Foto: eine Wintererbsen-Winterweizen Mischkultur auf dem Versuchsgut Neu-Eichenberg der Universität Kassel/Witzenhausen. Bilder von den Linsen-Mischkulturen findet man auf der Seite der Erzeugergemeinschaft Hessisches Hochland.


Als ich im letzten September meinen damaligen Kollegen am Umweltforschungszentrum davon berichtete, dass sich mein nächstes Forschungs-Projekt um Mischkulturen dreht, war die Skepsis doch recht groß, was die Relevanz dieses Themas in der landwirtschaftlichen Praxis angeht. Insbesondere in Bezug auf die Produktion von Lebensmitteln scheinen Monokulturen ungleich ökonomischer zu sein als Mischkulturen (der Begriff Mischkulturen kommt vor allem aus dem gärtnerischen Bereich, während man in der Landwirtschaft eher vom Gemengeanbau spricht).

Im Bereich der Futtermittel- oder Biomasse-Produktion ist der Gemengeanbau mittlerweile durchaus nicht unüblich, da hierfür z.B. keine Trennung des Erntegutes notwendig ist. Auch eine leicht versetzte Reife der Gemengepartner spielt hier keine so große Rolle. Für die Lebensmittelproduktion müssen die Ernteprodukte der Gemenge aus vermarktungstechnischen Gründen allerdings aufgereinigt werden. Hinzu kommt, dass die Gemenge-Partner möglichst zeitgleich reif sein müssen. Weiterlesen

Anregungen aus Bingenheim: biodynamische Züchtung und die Haltung der Züchterin

Foto links: eine etwas untypisch geratene rote Rosenkohl-Pflanze auf dem Dottenfelder Hof.


Letztes Wochenende war ich auf einem Seminar in Bingenheim. Das Seminar war eine Veranstaltung im Rahmen der Fortbildung biologisch-dynamische Gemüsezüchtung, die von Kultursaat organisiert wird. Zusammen mit vielen Seminarteilnehmern aus ganz Deutschland (und auch darüber hinaus) haben wir einen weiteren tiefen Einblick in die biologisch-dynamische Züchtung bekommen. Aber ich habe sogar Erkenntnisse mitgenommen, die über die biodynamsiche Züchtung weit hinausgehen und zwar gerade weil ich einen tieferen Einblick in die biodynamische Züchtung bekommen habe.

Drei verschiedene Züchterinnen bzw. Züchtungsforscherinnen haben uns ihren Züchtungsansatz vorgestellt. Dabei ging es einerseits um ganz praktische Dinge in der Züchtung. Z.B. wurden verschiedene Züchtungsmethoden erläutert, wie die Massenselektion oder die Einzelpflanzenauslese am Beispiel der Roten Beete. Andererseits kam in allen Präsentationen, Übungen, Erzählungen und der Sprache der Züchter etwas zum Ausdruck, das über die rein technischen Aspekte der Züchtung weit hinausgeht. Es war das, was in den Diskussionsrunden in dem Seminar als „Haltung des Züchters“ bezeichnet wurde. In welchem Verhältnis sieht sich die Züchterin zur Kulturpflanze und zur Entstehung neuer Kulturpflanzen, neuer Sorten und neuer Vielfalt? Weiterlesen

Mehrjähriges Getreide: Spinnerei oder Zukunft?

Auf diesem Foto sieht man das mehrjährige Getreide Thinopyrum intermedium. Gut erkennbar ist das, im Vergleich zum einjährigen Getreide, enorme Wurzelvolumen. Foto von Lee R. Dehaan Quelle Wikipedia, CC BY 3.0.


Während meiner Recherchen zum Thema Mischkulturen in den letzten Tagen bin ich auf ein interessantes Thema gestoßen: mehrjähriges Getreide (DeHaan et al. 2016). Viele der bedeutendsten Kulturpflanzengruppen, wie Getreide (Weizen, Roggen und Gerste), Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen und Linsen) und ölliefernde Pflanzen (Raps, Lein) sind sogenannte einjährige Pflanzen. Das heißt sie werden in einer Saison gesät, wachsen heran und gehen nach der Ernte zugrunde. Demgegenüber stehen mehrjährige Kulturpflanzen wie z.B. Wein, Olivenbäume und Obstgehölze, die viele Jahre überdauern und viele Male beerntet werden können.

Agrarökosysteme, in denen einjährige Kulturpflanzen gedeihen, sind sogenannte „gestörte“ Ökosysteme, die durch menschliche Eingriffe immer in einem frühen Stadium ökosystemarer Entwicklung gehalten werde. Natürliche Ökosysteme machen eine Entwicklung durch, die in der Ökologie als Sukzession bezeichnet wird. Am Anfang dieser Entwicklung befindet sich ein durch ein Umweltereignis (Sturm, Feuer oder eben menschliche Eingriffe) freigeräumter Lebensraum, welcher zuerst von sogenannten Pionierpflanzen besiedelt wird. Dies sind oft einjährige Kräuter oder Gräser. Diese werden dann zunehmend von mehrjährigen Pflanzen wie Sträuchern und letztlich Bäumen abgelöst. Weiterlesen

Close the GAP?

An dieser Stelle möchte ich einen sehr interessanten und spannend zu lesenden Beitrag von Bartosz zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der europäischen Union teilen. Die GAP verteilt ein sehr großes finanzielles Budget in der EU und hat dadurch einen starken Einfluss auf die Entwicklung der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft wiederum ist ein entscheidendes Bindeglied zwischen menschlicher Gesellschaft und natürlichen Ressourcen sowie biologischer Vielfalt. Bartosz geht unter anderem darauf ein, wie Landwirte, Lebensmittelhandel und Konsumenten von den GAP-Finanzmitteln profitieren.

Skeptische Ökonomie

OK, ich gestehe, der Titel ist mir heute etwas holprig geraten: im Englischen wäre es nämlich eigentlich CAP, gemeint ist nämlich die Common Agricultural Policy (dt. Gemeinsame Agrarpolitik alias GAP) der EU. Die hinter dem holprigen Wortspiel stehende Frage ist nichtsdestotrotz gewichtig: wird das reichliche Drittel des EU-Haushalts, das in das System von Agrarsubventionen fließt, denn sinnvoll verwendet? Und falls nicht, was folgt daraus?

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