Archiv der Kategorie: Allgemein

Neue Ringsorten vom VEN für 2019

Links sieht man die Sorte Weißes Ochsenherz, eine VEN-Ringsorte, die 2018 in meinem Garten stand.


Dieses Jahr gehen wir mit dem VEN in die zweite Runde unserer Erhalterringe für samenfeste Tomatensorten. Wir möchten ein System für die Erhaltung und Weiterentwicklung samenfester Tomaten- und Bohnensorten etablieren, dass einerseits fachlich fundiert aber auch offen für eine breite Beteiligung ist.  Aus diesem Grund haben wir ein System entwickelt, in dem Fachgruppen für bestimmte Kulturarten (bisher Tomaten und Bohnen) den Prozess organisieren und fachlich begleiten. Die eigentliche Erhaltungs- und Entwicklungsarbeit aber soll in den Gärten von GärtnerInnen statfinden. Wir möchten die praktische Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt verbinden mit Bildung und Bewußtseinsförderung für die Bedeutung der Kulturpflanzenvielfalt für unsere Gesellschaft.

Mehr Details zu dem Erhaltungssystem findet ihr auf der Seite des VEN. Die aktuelle Liste mit den Ringsorten findet man auch auf der VEN-Seite. Bei Interesse am Mitmachen könnt ihr euch hier melden tomaten(at)nutzpflanzenvielfalt.de.

Dunkle Tomaten: Gentechnik oder Kreuzung mit Wildtomaten?

Die schwarze Tomatensorte Königin der Nacht im botanischen Garten der Universität Bonn.


In den letzten Jahren haben sich zunehmend dunkel gefärbte Tomaten also bräunliche, blaue oder schwarze Tomatensorten in den Gärten und Saatguttütchen breitgemacht. Eine in der Tat spannende Frage ist die nach dem Ursprung dieser Tomaten. Die Früchte von Kulturtomaten (Solanum lycopersicum) sind normalerweise rot, rosa, gelb oder orange gefärbt.

Dabei geht in einigen Kreisen das Gerücht um, es handle sich insbesondere bei den bläulichen oder teils komplett schwarz gefärbten Tomaten um Produkte gentechnischer Prozesse. Belege werden dafür aber meist nicht genannt. Für den geneigten (ökologischen) Gärtner ist der Anblick einer tiefschwarzen Tomate in der Tat erstaunlich und lässt einen nach dem Ursprung dieser abgefahrenen Tomaten fragen.

Prof. Gunter Backes (Universität Kassel) hat auf Nachfrage für mich einige erhellende Antworten liefern können und ich möchte diese und einige zusätzliche Informationen hier teilen. Weiterlesen

Neue Capsicum-Fachgruppe im VEN: MitstreiterInnen gesucht

Foto: die Capsicum-Sorte Sweet Banana bei einem Kultursaat-Züchter.


Endlich wird es im VEN eine Capsicum-Gruppe geben. Das habe ich mir schon lange gewünscht. Wir suchen Leute, die sich für ökologisches Gärtnern, samenefeste Sorten und die Vielfalt der Chilis und Paprikas interessieren. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich vor allem mit Chilis. Einerseits probiere ich die verschiedensten Sorten aus. Dann verarbeite ich die Chilis natürlich, z.B. in einer fermentierten Chili-Sauce. Ach ja und der biologisch-fachliche als auch der kulturgeschichtliche Hintergrund beschäftigen mich sehr. Und da draußen gibt es bestimmt noch viele Menschen, die eine Menge Wissen, praktisches Können und Leidenschaft für Chilis und Paprika haben oder auch einfach nur lernen wollen. Wer sich gerne in Sachen Chilis und Paprika ( = Capsicum) vernetzten möchte (und eine leichte Öko-Schlagseite hat), meldet sich einfach unter capsicum@nutzpflanzenvielfalt.de.

Züchtung unkrautunterdrückender Getreide-Sorten als Alternative zu Glyphosat?

Foto links: ein Gersten-Feld in der Nähe von Witzenhausen.


Wie sehen unsere modernen Kultur-Pflanzen heute eigentlich aus? Und vor allem: warum sehen sie so aus wie sie aussehen? Wenn man heute vor einem Weizenfeld steht, sieht man ziemlich niedrige Pflanzen und verhältnismäßig große Ähren. Früher sahen die meisten Weizensorten allerdings anders aus. Sie waren vor allem wesentlich länger und hatten einen größeren Stroh-Anteil. Mit der Grünen Revolution kamen dann die sogenannten „Hochertrags-Sorten“, die sehr kurze Halme haben und im Verhältnis dazu sehr große und meist unbegrannte Ähren. Diese kurzstrohigen Sorten wurden durch die Einkreuzung sogenannter Zwerggene bzw. genauer Zwerg-Allele (Rht-B1b und Rht-D1b) erzeugt. Dadurch reagiert der Weizen nicht mehr bzw. nur noch reduziert auf das pflanzeneigene Wachstumshormon Gibberelin und zeigt ein reduziertes Längenwachstum.

Vorteil dieser Zwergsorten ist einerseits, dass die meisten Ressourcen während des Wachstums in die Ähre gehen und nicht in die Halme. Dadurch erhöht sich der Ernteindex also der Teil der Biomasse, der in Form von Körnern verwertet werden kann. Ein weiterer Vorteil ist, dass kurze Weizensorten im Gegensatz zu langen Weizensorten bei hohen Düngegaben nicht umkippen („ins Lager gehen“ wie man in der Landwirtschaft sagt). Diese Sorten sind auf maximal Erträge hin züchterisch optimiert und sind das Resultat eines enormen Züchtungsfortschrittes. Weiterlesen

Biologische Vielfalt, Mischkulturen und moderne Landwirtschaft: ein unüberwindbarer Widerspruch?

Das Weco-Dyn-System mit mehreren Saat-Behältern. Ein Beispiel für Anpassung der Technik an Mischkulturen. Fotografiert auf dem Versuchsbetrieb der Universität Kassel in Neu Eichenberg.


An dieser Stelle möchte ich ein paar Erkenntnisse teilen, die wir in unserem Projektteam am Fachgebiet Ökologischer Pflanzenschutz durch einen Workshop zu Mischkulturen (den Bericht findet man hier), eigenen Erfahrungen und Gesprächen mit Landwirten gewinnen konnten. Diese Einsichten sind natürlich als vorläufig und qualitativ einzuschätzen aber vielleicht auch gerade deshalb so interessant.

Die moderne, spezialisierte und technologieorientierte Landwirtschaft gilt als ein durch Monokulturen geprägtes System. Enge Fruchtfolgen, Felder mit nur einer einzigen Kulturpflanzenart, die von fast allen wilden Pflanzen bereinigt sind und teils riesige räumliche Ausmaße annehmen, bestimmen das Bild der modernen Landwirtschaft. Biologische Vielfalt, Mischkulturen und weite Fruchtfolgen sind allenfalls etwas für die kleinbäuerliche Landwirtschaft in rückständigen Gesellschaften oder für Hobbygärtnerinnen und Träumer. Produktivität in der Landwirtschaft und biologische Vielfalt scheinen in einem starken Widerspruch zu stehen. Weiterlesen

Mischkulturen in der Wertschöpfungskette: von französischen Landwirten, Kooperativen und Raps

IMG_7733Rapsanbau in Monokultur in Nord-Hessen. Der Rapsanbau hat mit erheblichen Problemen im Pflanzenschutz zu kämpfen.


Die letzten Tage war ich Ancenis in West-Frankreich auf einem Treffen im Rahmen des Remix-Projektes, bei dem sich alles um Mischkulturen dreht. Das Treffen fand im Hauptquartier der Terrena Kooperative statt, die auch Partner in dem Remix Projekt ist. Nach eigenen Angaben sind 29 000 Landwirte innerhalb der Terrena-Kooperative organisiert. Die Kooperative integriert die gesamte Wertschöpfungskette von der Saatgutproduktion und landwirtschaftlichen Beratung über die Getreide- und Gemüse-Produktion bis hin zur Logistik, Verarbeitung und Vermarktung.

Ein zentrales Thema des Treffens war die Frage, wie sich Mischkulturen in die landwirtschaftliche Praxis bringen lassen. Mischkulturen sind ein vielversprechender Ansatz die landwirtschaftliche Produktion vielfältiger zu gestalten (zu diversifizieren). Dadurch könnten die für die landwirtschaftliche Produktion benötigten Leistungen (Pflanzengesundheit, Düngung) zum Teil innerhalb des agrarökologischen Systems statt durch externe Betriebsmittel erzeugt werden.

Die Landwirtschaft ist allerdings nur ein Teil einer komplexen Wertschöpfungskette aus Saatgutproduktion, Pflanzenbau und Tierhaltung, Logistik, Verarbeitung, Einzelhandel und Konsumenten. Eine typisches Problem von Mischkulturen ist z.B., dass die verarbeitenden Betriebe die Lebensmittel oder Futter produzieren reine Zutaten verwenden und diese gegebenenfalls nach spezifischen Rezepten mischen. Dafür müssten die im Anbau gemischten Kulturen aber wieder aufgetrennt werden. Ein Beispiel dafür ist der Mischanbau von Linsen mit Hafer bzw. Leindotter. Weiterlesen

Wurzelhosen als Pflanze-Boden Schnittstelle und ihre Bedeutung für Landwirtschaft und Züchtung

Zeichnung links:  hier sieht man Wurzelhosen an zwei Weizen-Sämlingen verschiedenen Alters. Quelle: Sachs 1882.


Bisher habe ich mich noch nicht so viel mit dem Thema Boden auseinandergesetzt – weder wissenschaftlich noch praktisch im Garten. Bis mein Kollege (Stephan Junge) am Fachgebiet Ökologischer Pflanzenschutz in einem Vortrag ein Foto einer sogenannten Wurzelhose (im Englischen rhizo sheath) zeigte. Man sah eine aus dem Boden gezogene Triticale-Pflanze, deren Wurzeln in einer dicken Erdschicht eingehüllt waren (ähnlich wie in der Zeichnung bei Sachs). Möglicherweise sei dies ein Effekt des regenerativen Kartoffelanbaues (Teil der regenerativen Landwirtschaft), dessen Ziel es ist den Boden während seiner landwirtschaftlichen Nutzung nicht nur zu erhalten sondern sogar zu verbessern. Möglicherweise hatte hier der regenerative Kartoffelanbau die Bodenentwicklung gefördert, was sich dann in den stark ausgeprägten Wurzelhosen der Triticale äußerte.

Schon in seinem Buch über die arabisch-ägyptische Flora von 1887 erwähnt Volkens Wurzelhosen und beschreibt sie folgendermaßen: “wie das Bein in der Hose, oder besser und ästhetischer ausgedruckt, wie eine Phryganeenlarve in dem selbst gebauten Gehause.“  (Volkens 1887, S.25/26). Mit Phryganeenlarven sind Köcherfliegenlarven gemeint, die man häufig ins Süßgewässern antrifft.

Jeder kann Wurzelhosen in seinem Garten beobachten. Das habe ich kürzlich auch gemacht. Man muss nur mal eine Wurzel irgendeiner Gras- oder Getreide-Art ausgraben. Sehr gut zu sehen ist dann eine Erdschicht, die ziemlich fest an den Wurzeln anhaftet, sich von diesen nur schwer lösen lässt und in der Tat wie eine Hose wirkt. Weiterlesen