Die unpatentierbare Tomate „Sunviva“: von Göttingen über Berlin nach Leipzig

IMG_7293Gestern war ich auf einer wirklich sehr inspirierenden Veranstaltung in Berlin im Magnus-Haus. Und ich konnte sogar etwas ganz Konkretes, Handfestes und Schönes nach Leipzig mit zurücknehmen: ein kleines Tütchen Saatgut und eine Tomaten-Jungpflanze der Sorte „Sunviva“. „Sunviva“ ist eine Freiland-Tomate und bekommt dementsprechend einen sonnigen Platz unter freiem Himmel in unserem Gemeinschaftsgarten Querbeet in Leipzig. Jungpflanze und Saatgut verkörpern aber nicht nur einen lebendigen Organismus, also Leben, sondern auch etwas Gesellschaftliches und Politisches. Denn das Saatgut dieser Tomate ist vor der Privatisierung durch Sortenschutz oder Patentierung geschützt. Diese Tomate ist gewissermaßen „unpatentierbar“. Sie ist ein geschütztes Gemeingut. Dies wird dadurch erreicht, dass die Sorte Sunviva, welche in einem Projekt an der Universität Göttingen gezüchtet wurde, unter eine Open Source Lizenz (OSL) gestellt wurde.

An dieser Stelle möchte ich die Inspiration, die ich von dieser Veranstaltung, den Menschen und von der Tomate mitgenommen habe, weitergeben.

Johannes Kotschi hat in den letzten Jahren unermüdlich an der Entwicklung einer OSL für Saatgut gearbeitet. Mit der Gründung der Open Source Seeds Plattform und der Lizenzierung von „Sunviva“ unter der OSL setzt er diese Vorarbeiten zusammen mit Wissenschaftlern, Züchtern und Gärtnern nun in die Praxis um.

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Eine Jungpflanze der Sorte „Sunviva“. Klein zu sehen ist die Open Source Lizenz.

Inspiriert ist Kotschi durch Richard Stallman, welcher viele Grundlagen für die Open Source Bewegung im Software-Bereich gelegt hat. Eine weitere Quelle der Inspiration war Elinor Ostrom, eine Ökonomin, die sich mit der Frage beschäftigt hat, wie Gemeingüter nachhaltig genutzt werden können und nicht der „Tragödie der Gemeingüter“ („tragedy of the commons“) zum Opfer fallen. Sie fand heraus, dass es in erster Linie ein bestimmtes Set an Regeln bzw. Institutionen geben muss, die den Umgang mit einer Ressource organisieren. Genau dies soll die OSL schaffen und zwar für das Gemeingut der Kulturpflanzenvielfalt.

Die OSL erlaubt im Prinzip fast alles mit dem Saatgut zu machen. Man kann das Saatgut vermehren, verkaufen und auch die daraus entstehenden Pflanzen kann man kommerziell vermehren und auf den Markt bringen. Man kann mit OSL-Saatgut und Pflanzen also Geld verdienen. Aber man darf keine Eigentumsrechte auf die Sorte anmelden, weder einen Sortenschutz noch ein Patent. Außerdem enthält die OSL die Bedingung, dass man, wenn man das Saatgut nutzt, allen anderen Nutzern die gleichen Rechte und Pflichten einräumen muss. Ziel ist es, hier eine virale Kette von OSL zu schaffen, die im Laufe der Zeit dazu führt, dass ein immer größerer Teil der Kulturpflanzenvielfalt vor Privatisierung geschützt ist. Dadurch wird – potentiell – ein immer größerer Bereich eines geschützten Gemeingutes geschaffen. In diesem Fall ein geschütztes Gemeingut der Kulturpflanzenvielfalt. Die von vielen vorgeschlagene Alternative neue Sorten schlicht nicht zum Sortenschutz oder als Patent anzumelden (wie dies z.B. Kultursaat tut) sichert die Kulturpflanzenvielfalt nicht gegen Privatisierung. Im Prinzip kann jeder diese „ungesicherten“ Sorten durch weitere Züchtung und einen nachfolgenden Sortenschutz oder eine Patentierung privatisieren.

Ziel ist dabei nicht die völlige Abschaffung privaten Eigentums an Nutzpflanzen. Vielmehr soll ein Gegengewicht zu der zunehmenden Monopolisierung privaten Eigentums an Kulturpflanzen geschaffen werden. Dies hat insbesondere Bernd Horneburg betont, der das Projekt an der Universität Göttingen geleitet hat, aus dem die Sorte „Sunviva“ hervorgegangen ist.

Die OSL macht es möglich, dass wieder eine größere Zahl an Züchtern, ob groß oder klein, ob bio-zertifiziert, konventionell oder ökologisch aber unzertifiziert an der Züchtungsarbeit teilnimmt. Hierdurch kann, so Horneburg, eine Diversifizierung der Menschen stattfinden, die züchten. Damit ergibt sich auch ein Raum dafür, diversere Züchtungsziele und plurale gesellschaftliche Werte in der Züchtung zu verankern. Es kann eine größere Vielfalt an Bedürfnissen, die die Menschen bei der Züchtung von Kulturpflanzen haben, berücksichtigt werden.

Max Rehberg von dem Saatgutproduzenten Culinaris (hier wird man in Zukunft Saatgut von Sunviva bekommen) stellte die Tomaten-Sorte „Sunviva“ vor. Culinaris wird das Open Source Saatgut für Sunviva vermehren und vertreiben. Rehberg hatte glücklicherweise für jeden Veranstaltungsteilnehmer eine Tomatenjungpflanze mitgebracht sowie einige Saatguttütchen, von denen ich eine (gegen Spende) ergattern konnte.

Im Anschluss an die Präsentation folgte eine spannende Diskussion, die ich hier nur ausschnittsweise wiedergebe.

Mehrere Stimmen aus dem Publikum wiesen daraufhin, dass die OSL für Saatgut auch eine Inspiration für die Tierzüchtung sein könne. Ein Vertreter eines Imkerverbandes teilte mit, dass nun auch die ersten Bienenzüchtungen unter einer der OSL ähnlichen Lizenz laufen würden. Aus dem Publikum wurde auch die Frage gestellt, ob sich alte Tierrassen durch eine OSL schützen ließen. Kotschi machte allerdings klar, dass „alte“ bestehende Sorten nicht unter der OSL lizenziert werden können sondern ausschließlich Neuzüchtungen. Damit fallen auch alte Nutztierrassen durch das Raster der OSL.

Eine weitere Frage war die, wie lange es dauern wird, bis weitere Sorten unter der OSL in den Handel kommen. Die Züchtung neuer Sorten ist bekanntermaßen ein Prozess, der zehn Jahre und mehr in Anspruch nehmen kann. Rehberg wies darauf hin, dass Züchter auch Sorten, die sie in der Entwicklungspipeline haben, unter die OSL stellen können, so dass man wohl bald mit weiteren Sorten rechnen kann. Horneburg wünschte sich ein möglichst breit gefächertes Angebot, z.B. als nächstes eine Baumwollsorte oder eine Apfelsorte. Ich persönlich würde mir durchaus auch eine Chili-Sorte wünschen 😉 .

Ein weiteres Thema war die Überprüfung der Vertragsbedingungen der OSL. Wie kann man sicherstellen, dass wirklich keiner OSL-Saatgut verwendet, um Sorten zu entwickeln, auf die dann Sortenschutz oder Patente angemeldet werden? Einerseits gibt es die Möglichkeit der genetischen Überprüfung, z.B. über einen sogenannten DNA-Fingerprint. Dies könne, so Horneburg, sich aber besonders bei genetisch diversen und komplexen Kulturpflanzen-Sorten, wie z.B. einem hexaploiden Viellinien-Weizen als sehr aufwendig erweisen. Eine andere Option, so Kotschi, wäre die verpflichtende Dokumentation der bei der Zucht verwendeten genetischen Ressourcen. Dies würde, so denke ich, aber wiederum zu einem nicht unerheblichen bürokratischen Aufwand führen.

Die Art der Finanzierung der Züchtungsarbeit, die auf OSL-Saatgut abzielt, ist eine weitere kritische Frage, die nur unzureichend beantwortet werden konnte. Das tatsächliche FinanzV-olumen alternativer Züchtungsarbeit und Forschung ist im Vergleich zur industriellen Züchtungsforschung verschwindend gering (Der Saatgutfonds stellt z.B. knapp über eine Millionen Euro zur Verfügung).

Viele dieser offenen Fragen, so Horneburg, lassen sich abstrakt nur schwer klären. Deshalb müsse man einfach mal anfangen zu experimentieren. Dem kann ich nur zustimmen. Es ist ein Experiment. Ein mutiges und wie ich finde ein sehr vielversprechendes.

Ein weiterer Gedanke, der mir kam, ist folgender: Wenn Züchtungsforschung durch öffentliche Forschungsgelder finanziert wird, sollte zumindest ein Teil der auf dieser Forschung basierenden neuen Sorten unter einer OSL lizenziert werden.

Am nächsten Wochenende werde ich „Sunviva“ in dem Gewächshaus unseres Gemeinschaftsgartens „zwischenparken“. Nach den Eisheiligen darf sie dann dahin, wo sie hingehört, unter freien Himmel. Wenn wir von dieser Pflanze Saatgut ernten, werden wir es wieder unter der OSL weitergeben und ein kleines Stück Gemeingut aufbauen. Dieses verbindet dann Göttingen, Berlin und Leipzig.

Weitere Infos im Netz:

Bei Spiegel-Online: „Open Source Saatgut: Warum die Tomate Sunviva ABGs hat

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