Archiv des Autors: Johannes Timaeus

Inspirierende Mischkulturen im hessischen Hochland: Linse-Hafer und Linse-Leindotter

Foto: eine Wintererbsen-Winterweizen Mischkultur auf dem Versuchsgut Neu-Eichenberg der Universität Kassel/Witzenhausen. Bilder von den Linsen-Mischkulturen findet man auf der Seite der Erzeugergemeinschaft Hessisches Hochland.


Als ich im letzten September meinen damaligen Kollegen am Umweltforschungszentrum davon berichtete, dass sich mein nächstes Forschungs-Projekt um Mischkulturen dreht, war die Skepsis doch recht groß, was die Relevanz dieses Themas in der landwirtschaftlichen Praxis angeht. Insbesondere in Bezug auf die Produktion von Lebensmitteln scheinen Monokulturen ungleich ökonomischer zu sein als Mischkulturen (der Begriff Mischkulturen kommt vor allem aus dem gärtnerischen Bereich, während man in der Landwirtschaft eher vom Gemengeanbau spricht).

Im Bereich der Futtermittel- oder Biomasse-Produktion ist der Gemengeanbau mittlerweile durchaus nicht unüblich, da hierfür z.B. keine Trennung des Erntegutes notwendig ist. Auch eine leicht versetzte Reife der Gemengepartner spielt hier keine so große Rolle. Für die Lebensmittelproduktion müssen die Ernteprodukte der Gemenge aus vermarktungstechnischen Gründen allerdings aufgereinigt werden. Hinzu kommt, dass die Gemenge-Partner möglichst zeitgleich reif sein müssen. Weiterlesen

Anregungen aus Bingenheim: biodynamische Züchtung und die Haltung der Züchterin

Foto links: eine etwas untypisch geratene rote Rosenkohl-Pflanze auf dem Dottenfelder Hof.


Letztes Wochenende war ich auf einem Seminar in Bingenheim. Das Seminar war eine Veranstaltung im Rahmen der Fortbildung biologisch-dynamische Gemüsezüchtung, die von Kultursaat organisiert wird. Zusammen mit vielen Seminarteilnehmern aus ganz Deutschland (und auch darüber hinaus) haben wir einen weiteren tiefen Einblick in die biologisch-dynamische Züchtung bekommen. Aber ich habe sogar Erkenntnisse mitgenommen, die über die biodynamsiche Züchtung weit hinausgehen und zwar gerade weil ich einen tieferen Einblick in die biodynamische Züchtung bekommen habe.

Drei verschiedene Züchterinnen bzw. Züchtungsforscherinnen haben uns ihren Züchtungsansatz vorgestellt. Dabei ging es einerseits um ganz praktische Dinge in der Züchtung. Z.B. wurden verschiedene Züchtungsmethoden erläutert, wie die Massenselektion oder die Einzelpflanzenauslese am Beispiel der Roten Beete. Andererseits kam in allen Präsentationen, Übungen, Erzählungen und der Sprache der Züchter etwas zum Ausdruck, das über die rein technischen Aspekte der Züchtung weit hinausgeht. Es war das, was in den Diskussionsrunden in dem Seminar als „Haltung des Züchters“ bezeichnet wurde. In welchem Verhältnis sieht sich die Züchterin zur Kulturpflanze und zur Entstehung neuer Kulturpflanzen, neuer Sorten und neuer Vielfalt? Weiterlesen

Mehrjähriges Getreide: Spinnerei oder Zukunft?

Auf diesem Foto sieht man das mehrjährige Getreide Thinopyrum intermedium. Gut erkennbar ist das, im Vergleich zum einjährigen Getreide, enorme Wurzelvolumen. Foto von Lee R. Dehaan Quelle Wikipedia, CC BY 3.0.


Während meiner Recherchen zum Thema Mischkulturen in den letzten Tagen bin ich auf ein interessantes Thema gestoßen: mehrjähriges Getreide (DeHaan et al. 2016). Viele der bedeutendsten Kulturpflanzengruppen, wie Getreide (Weizen, Roggen und Gerste), Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen und Linsen) und ölliefernde Pflanzen (Raps, Lein) sind sogenannte einjährige Pflanzen. Das heißt sie werden in einer Saison gesät, wachsen heran und gehen nach der Ernte zugrunde. Demgegenüber stehen mehrjährige Kulturpflanzen wie z.B. Wein, Olivenbäume und Obstgehölze, die viele Jahre überdauern und viele Male beerntet werden können.

Agrarökosysteme, in denen einjährige Kulturpflanzen gedeihen, sind sogenannte „gestörte“ Ökosysteme, die durch menschliche Eingriffe immer in einem frühen Stadium ökosystemarer Entwicklung gehalten werde. Natürliche Ökosysteme machen eine Entwicklung durch, die in der Ökologie als Sukzession bezeichnet wird. Am Anfang dieser Entwicklung befindet sich ein durch ein Umweltereignis (Sturm, Feuer oder eben menschliche Eingriffe) freigeräumter Lebensraum, welcher zuerst von sogenannten Pionierpflanzen besiedelt wird. Dies sind oft einjährige Kräuter oder Gräser. Diese werden dann zunehmend von mehrjährigen Pflanzen wie Sträuchern und letztlich Bäumen abgelöst. Weiterlesen

Close the GAP?

An dieser Stelle möchte ich einen sehr interessanten und spannend zu lesenden Beitrag von Bartosz zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der europäischen Union teilen. Die GAP verteilt ein sehr großes finanzielles Budget in der EU und hat dadurch einen starken Einfluss auf die Entwicklung der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft wiederum ist ein entscheidendes Bindeglied zwischen menschlicher Gesellschaft und natürlichen Ressourcen sowie biologischer Vielfalt. Bartosz geht unter anderem darauf ein, wie Landwirte, Lebensmittelhandel und Konsumenten von den GAP-Finanzmitteln profitieren.

Skeptische Ökonomie

OK, ich gestehe, der Titel ist mir heute etwas holprig geraten: im Englischen wäre es nämlich eigentlich CAP, gemeint ist nämlich die Common Agricultural Policy (dt. Gemeinsame Agrarpolitik alias GAP) der EU. Die hinter dem holprigen Wortspiel stehende Frage ist nichtsdestotrotz gewichtig: wird das reichliche Drittel des EU-Haushalts, das in das System von Agrarsubventionen fließt, denn sinnvoll verwendet? Und falls nicht, was folgt daraus?

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Olivenöl: Massenprodukt, Monokulturen und das Sterben von Olivenbäumen in Italien

Gesunde Olivenbäume auf der griechischen Insel Thasssos. Foto von Petr Pakandl Quelle Wikipedia.


Olivenöl ist zu einem Massenprodukt geworden. In jeden Discounter findet man edel anmutendes „extra virgin“ Olivenöl und es gehört zur Standard-Ausstattung vieler Haushaltsküchen. Auch ich möchte nicht das teils fruchtige, teils schön herbe Aroma eines leckeren Olivenöles an meinem Salat missen. Dabei habe ich auch durchaus nicht selten zum billigen Olivenöl gegriffen. Diese Alltagsgewohnheiten haben allerdings handfeste Konsequenzen und eine davon ist die massive Ausdehnung von Olivenhainen, z.B. in Spanien. In der südspanischen Provinz Jaén in Andalusien sind 91% der landwirtschaftlichen Fläche mit Olivenbäumen bepflanzt und eine erheblicher Teil davon mit der Sorte Picual, die sich gut zur Herstellung von Olivenöl eignet (Sanchez-Martinez und Cabrera 2015). Die sich ausdehnenden Oliven-Monokulturen haben zunehmend die Fläche von Gemüsegärten um kleine Dörfer oder auch Mischkulturen aus Olivenbäumen mit Wein, Mandeln oder Obstbäumen verdrängt. Diese einseitige (monokulturelle) Form der Landwirtschaft ist damit eine klare Auswirkung des globalisierten Konsums und Handels. Bestimmte Regionen spezialisieren sich auf den Anbau (und evtl. die Verarbeitung) bestimmter Kulturpflanzen, um Einkommen für die lokale Bevölkerung oder Gewinne für externe Investoren zu erzielen. Ein solches monokulturelles Agrarsystem ist anfällig gegenüber epidemischen Ausbrüchen von Pflanzenkrankheiten. Grund zur Sorge gibt deshalb der Ausbruch einer neuen Olivenbaumkrankheit. Weiterlesen

Was sind die gesellschaftlichen Bedingungen für mehr Vielfalt in der Landwirtschaft?

Foto Links: eine Mischkultur aus Kaffe und Tomaten in Kolumbien. Foto von Neil Palmer, Quelle Wikipedia.


Gestern habe ich einen Vortrag im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle zum Thema Diversifizierung in der Landwirtschaft am Beispiel von Mischkulturen gehalten. Unter Mischkulturen versteht man (im engeren Sinne) die gleichzeitige Kultivierung verschiedener Kulturpflanzenarten auf einer Fläche. Im weiteren Sinne kann man aber auch die gleichzeitige Kultivierung verschiedener Sorten einer Kulturpfanzenart als Mischkulturen bezeichnen. Die sich an meinen Vortrag anschließende Diskussion drehte sich zwar auch um biologische und ökologische Aspekte aber am heftigsten wurde doch über die Ökonomie und Praktikabilität von Mischkulturen diskutiert. Deshalb möchte ich an dieser Stelle noch einmal die diskutierten Argumente aufnehmen und ein bisschen ausführlicher darstellen.

Mischkulturen als Ansatz zur Diversifizierung der Landwirtschaft

Warum ist das Thema Mischkulturen überhaupt relevant? Mittels Mischkulturen kann man die externen Inputs in Agrarkultursysteme, wie Pestizide und Düngemittel reduzieren. Mischkulturen können teilweise die durch externe Betriebsmittel erbrachten Funktionen wie Unkrautbekämpfung und Schädlingsbekämpfung systemintern erbringen. Zunehmend werden in der Öffentlichkeit die Folgen des Einsatzes von Pestiziden, wie z.B. von Neonicotinoiden auf Bienen diskutiert. Ein weiteres Thema ist die Verschmutzung des Grundwassers durch Nitrateinträge, die aus der Düngung von Feldern stammt. Mischkulturen bieten hier einen Ansatz, um diesen negativen Folgen entgegenzuwirken. Weiterlesen

Wechsel von Leipzig nach Witzenhausen und neues Mischkultur-Projekt

Foto oben: Zu sehen ist eine relativ diverse Kulturlandschaft, wie ich sie in diesem Sommer in Rumänien beobachtet habe.


Endlich ist es soweit. Ich kann meinem faszinierenden Hobby – dem Experimentieren und Erforschen der Kulturpflanzenvielfalt – professionell nachgehen und werde für meine Leidenschaft auch noch bezahlt. Anfang September starte ich meine Arbeit in einem neuen Forschungsprojekt an der Universität Kassel im Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften in der Abteilung Ökologischer Pflanzenschutz bei Frau Prof. Maria Finckh. In dem Projekt ReMIX geht es um die Erforschung des Potenziales von Mischkulturen in europäischen Anbausystemen.

Die Entwicklung der westeuropäischen Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten war überwiegend geprägt von einer zunehmenden Spezialisierung landwirtschaftlicher Betriebe, immer großskaligeren Monokulturen, einer Abnahme landschaftlicher Komplexität und immer stärkeren Einträgen von Düngemitteln und Pestiziden in unsere Agrarkultursysteme. Um die daraus resultierenden Probleme (Nitratbelastung des Grundwassers, Verlust von Lebensräumen wilder Tiere und Pflanzen, Abhängigkeit von Ex- und Importen) zu bekämpfen, wird immer wieder gefordert mehr Vielfalt in unsere Agrarkultursysteme zu bringen. Biologische Vielfalt ist ein essentieller Baustein eines agrarökologischen Ansatzes, wie er z.B. von Altieri (1995) oder auch Gliessmann (2014) vertreten wird. In der Fachliteratur wird auch von einer sogenannten „diversifizierten Landwirtschaft“ (im Englischen „diversified farming“, Kremen et al. 2012) gesprochen. Weiterlesen