Alte Sorten V.S. neue Sorten und dialektische Evolution

Die Apfelsorte Alkmene. Sie wurde 1930 in Müncheberg gezüchtet und ging aus einer Kreuzung der Sorten Cox Orange und Geheimrat Dr. Oldenburg hervor. Foto von Sven Teschke,  Bildquelle Wikipedia


Vor kurzem erst bin ich bei einem großen Zeitungskiosk im Leipziger Hauptbahnhof über ein Sonderheft der Zeitschrift „Kraut und Rüben“ zum Thema „alte Sorten“ gestolpert. Blättert man durch dieses Werk, bekommt man den Eindruck alte Sorten lägen „voll im Trend“. Ähnliches scheinen einem die Organisationen zu vermitteln, die sich für die Erhaltung „alter“ Sorten einsetzen, wie Arche Noah, der VEN oder Pro Species Rara. Aber warum eigentlich? Der Rückgriff auf „alte“ Sorten ist eine durchaus sehr nachvollziehbare Gegenbewegung gegen eine ins Absurde gesteigerte Industrialisierung von Landwirtschaft und der Privatisierung von Leben. Dennoch birgt diese Berufung auf alte Sorten ihre eigene Gefahr, nämlich die der romantischen Verklärung und Mythenbildung. So bekommt man in den Kreisen von Ökogärtnern oft zu hören alte Sorten seien besser an regionale Ökosysteme angepasst, hätten mehr Resistenzen gegen Pathogene, seien geschmackvoller und enthielten weniger Allergene. Dies kann durchaus der Fall sein. Ein alleiniger Fokus auf „alte“ Sorten jedoch ist ein Irrweg und verkennt die dynamische Natur und Kultur unserer Kulturpflanzenvielfalt.

Das Spannende und Fundamentale an Leben und Kultur, und damit auch an Kulturpflanzen, ist seine dialektische Evolution. Mit dialektischer Evolution meine ich das Zusammenspiel aus Bestehendem und Neuem. Leben entsteht nur selten völlig neu. Die Entstehung neuen Lebens aus totem Material, also die völlige Neuentstehung von Leben, wird als Abiogenese bezeichnet. In der aber Regel entsteht Leben aus Leben, also neues Leben aus bestehendem Leben.

Dabei wird einerseits bestehendes genetisches Material vererbt, andererseits entsteht aber auch Neues also Mutationen der DNA-Sequenz oder neue Kombinationen von Genen bei der geschlechtlichen Fortpflanzung. Leben enthält also in der Regel immer beides: Altes und Neues. Auch das Klonen von Kulturpflanzen, z.B. durch die Stecklingsvermehrung führt über kurz oder lang zu einer genetischen Veränderung, z.B. durch die Integration von Viren ins Genom der Kulturpflanzen oder durch sogenannte mobile genetische Elemente (Transposons).

Dieser dialektische Modus der Evolution ermöglicht die Anpassung von Lebewesen an ihre Umwelt mittels komplexer funktionaler biologischer Systeme. Ein Grundstock genetischer Information wird konstant gehalten (z.B. der Grundlegende zelluläre Aufbau, die Funktionsweise der DNA oder die Phytosynthese-Systeme) während teilweise Modifikationen entstehen, die dann das genetische Material für die Selektion und evolutive Anpassung an neue Bedingungen darstellen.

Das gilt so auch für Kulturpflanzen. Ihr natürliches Habitat sind menschliche Kultursysteme, bzw. Biokultursysteme. Einerseits haben unsere Kulturpflanzen seit ihrer Domestikation schon eine Reihe von Anpassungen an unserer Kultursysteme erworben. So wurde durch menschliche Auslese z.B. die Keimruhe (Dormanz) der Kulturpflanzen reduziert. Die Samen von Kulturpflanzen keimen in Kultursystemen ungleich leichter als die der Wildformen von Kulturpflanzen. Ein weiteres Beispiel ist die Reduktion toxischer Substanzen (z.B. Glucosinolate im Raps) oder die Anreicherung erwünschter Stoffe (z.B. das Capsaicin in Chilis oder Zucker in den Zuckerrüben).

Aber auch unsere Kultursysteme ändern sich ebenso wie die natürlichen Ökosysteme in die sie eingebettet sind. Einerseits ändert sich die Kultivierungsetchnologie (Züchtungstechnologie, Bodenbearbeitungstechniken etc.) aber auch die Bedürfnisse der Menschen. Hinzukommen eine Reihe von Kulturfolgern, die sich in unsere Kultursysteme eingenischt haben, wie Pflanzenkrankheiten, Schadinsekten und Unkräuter. Diese Kulturfolger liefern sich in gewisser Hinsicht ein evolutionäres Wettrennen mit den Kulturpflanzen und den Züchtern.

Die Existenz unserer Kulturpflanzen und damit auch von uns ist damit von beidem Abhängig: von einem Rückgriff auf bestehendes genetisches Material, die diese an unsere Kultursysteme anpasst, aber auch von neuer Variabilität. Jede vitale Sorte, die produktiv in einem Bio-Kultursystem eingesetzt wird, enthält immer Altes und Neues. Wirklich alte Sorten findet man allenfalls in den Kühlregalen von Genbänken.

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