Die erste Open Source Tomate in Deutschland: Sortenvielfalt als gesichertes Gemeingut

Bildschirmfoto 2017-04-16 um 23.15.37Foto Oben: Die erste Tomatensorte, die in Deutschland unter einer Open Source Lizenz vertrieben wird: „Sunviva“. Diese wurde in einem Projekt der Universität Göttingen entwickelt.


Zur Zeit gibt es viel Wind um die Konzentrationsbewegungen auf dem Saatgutmarkt. Aller Voraussicht nach werden die zukünftigen Top 3  Unternehmen zwei Drittel des weltweiten kommerziellen Saatgutmarktes kontrollieren: ChemChina übernimmt den Schweizer Saatgutproduzenten Syngenta, Bayer kauft Monsanto und die US-Konzerne Dow und Dupont werden fusionieren.

Neben dem großen Marktanteil der drei zukünftigen Saatgut-Chemie-Riesen am globalen Umsatz von Saatgut ist aber auch die Konzentration einer Schlüsselressource in wenigen Händen entscheidend: die genetische Vielfalt, die in den privaten Genbänken der Unternehmen schlummert und zu einem erheblichen Teil durch geistige Eigentumsrechte, z.B. durch Patente und den Sortenschutz geschützt ist. Dies ist das Biokapital, welches den fortwährenden Strom an Lebensmitteln, Kraftstoffen, Medikamenten und Baumaterialien liefert, auf dem unsere Gesellschaft fußt. Diese Anhäufung von Biokapital in privaten Genbänken ist für die Öffentlichkeit unsichtbar, verleiht den Konzernen aber eine erhebliche ökonomische und gesellschaftliche Macht.

Aber statt dieses nur zu beklagen finde ich das praktische Experimentieren mit Alternativen viel spannender. In den USA hat sich eine Open Source Seed Initiative gebildet, die mit einer Art Open Source Lizenz-System ein Gegenmodell zur privatrechtlichen Aneignung von Biokapital schaffen will.

Nun hat sich auch in Deutschland eine Gruppe aus Züchtern, Agrarexperten und Juristen zusammengetan, um ein alternatives Modell zu entwickeln: ein Open Source Lizenz  (OSL) Modell für neu gezüchtete Sorten. Durch die Open Source Lizenz soll die neu gezüchtete Vielfalt als gesichertes Gemeingut etabliert werden. Dies heißt einerseits, dass auf neue Sorten keine privatrechtlichen Eigentumsansprüche erhoben werden und diese jeder frei nutzen kann. Andererseits müssen die Nutzer des Saatguts, wenn diese neues Saatgut oder neue Sorten erzeugen, auch allen anderen die gleichen Rechte einräumen. Das heißt, dass genetisches Material, welches einmal unter einer OSL steht, nicht mehr privatisiert werden kann, z.B. durch Patente oder den Sortenschutz. Damit wird die genetische Sortenvielfalt zu einem gesicherten Gemeingut. Dies bedeutet nicht die vollständige Abschaffung der privaten Züchtung oder geistiger Eigentumsrechte an Sorten, sondern die Schaffung eines zweiten, öffentlichen und gemeinwohl-orientierten Standbeins in der Züchtung. Die Webseite der deutschen Initiative Open Source Seeds, welche die OSL zur Verfügung stellt, ist seit kurzem online.

Am 26. April sollen in Berlin das Konzept der OSL und die ersten unter dieser Lizenz laufenden Neuzüchtungen vorgestellt werden. Zu den ersten Sorten, die unter der OSL laufen werden, gehört die Sommerweizen-Sorte „Convento C“, die vom Dottenfelder Hof entwickelt wurde. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Populationssorte mit einer hohen genetischen Vielfalt. Die zweite OSL-Sorte ist die Tomate „Sunviva“, die von Bernd Horneburg im Rahmen eines Projektes an der Universität Göttingen gezüchtet wurde.

Viele Saatgutenthusiasten sind der Auffassung, dass eine OSL überflüssig oder sogar kontraproduktiv für die Etablierung von Saatgut und genetischer Vielfalt als Gemeingut ist. Dies verkennt aber meiner Meinung nach die soziale Wirklichkeit unserer Gesellschaft. Die massive Konzentration von Biokaptial entfaltet eine Macht, der man etwas Handfestes entgegensetzen muss. Dauerhafte Wirkmacht entfaltet oft nur das, was institutionell verankert und mit Ressourcen ausgestattet ist. Die OSL und die Open Source Seed Initiative in Deutschland sind hier eine interessante Option.

Jeder, der sich für die Zukunft unseres Saatguts interessiert, sollte diese Initiative auf dem Schirm haben.

Für weitere Hintergrundinformationen empfehle ich folgende Quellen:

Einen Blog-Artikel von Silke Helfrich: „Bio-Linux oder: Saatgut als Commons“

Ein Hintergrundpaier von Kotschi und Rapf zur Open Source Lizenz: „Die Befreiung des Saatguts durch Open Source Lizensierung“

 

 

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3 Gedanken zu „Die erste Open Source Tomate in Deutschland: Sortenvielfalt als gesichertes Gemeingut

  1. Pingback: Bio-Linux oder: Saatgut als Commons | CommonsBlog

  2. Barbara Wentzky

    Das Ganze ist mir nicht verständlich, weil ich doch aus jeder Tomate Kerne entnehmen kann und daraus neue Tomaten-Pflanzen aufziehen kann. Ob diese Tomaten-Sorte mal aus lizenziertem Saatgut gezogen wurde oder aus OSL-Saatgut, interessiert dann doch keinen. Wer will das nachprüfen, woher ich meine Tomaten-Samen habe?

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