Anregungen aus Bingenheim: biodynamische Züchtung und die Haltung der Züchterin

Foto links: eine etwas untypisch geratene rote Rosenkohl-Pflanze auf dem Dottenfelder Hof.


Letztes Wochenende war ich auf einem Seminar in Bingenheim. Das Seminar war eine Veranstaltung im Rahmen der Fortbildung biologisch-dynamische Gemüsezüchtung, die von Kultursaat organisiert wird. Zusammen mit vielen Seminarteilnehmern aus ganz Deutschland (und auch darüber hinaus) haben wir einen weiteren tiefen Einblick in die biologisch-dynamische Züchtung bekommen. Aber ich habe sogar Erkenntnisse mitgenommen, die über die biodynamsiche Züchtung weit hinausgehen und zwar gerade weil ich einen tieferen Einblick in die biodynamische Züchtung bekommen habe.

Drei verschiedene Züchterinnen bzw. Züchtungsforscherinnen haben uns ihren Züchtungsansatz vorgestellt. Dabei ging es einerseits um ganz praktische Dinge in der Züchtung. Z.B. wurden verschiedene Züchtungsmethoden erläutert, wie die Massenselektion oder die Einzelpflanzenauslese am Beispiel der Roten Beete. Andererseits kam in allen Präsentationen, Übungen, Erzählungen und der Sprache der Züchter etwas zum Ausdruck, das über die rein technischen Aspekte der Züchtung weit hinausgeht. Es war das, was in den Diskussionsrunden in dem Seminar als „Haltung des Züchters“ bezeichnet wurde. In welchem Verhältnis sieht sich die Züchterin zur Kulturpflanze und zur Entstehung neuer Kulturpflanzen, neuer Sorten und neuer Vielfalt?

Einerseits nehmen einige biodynamische Züchter sehr gezielten Einfluss auf die Entwicklung neuer Kulturpflanzenvielfalt dadurch, dass sie gezielt aus der Vielfalt auslesen, Zuchtlinien voneinander trennen und auch wieder vermischen. Andere Züchterinnen dagegen wollen dem Phänomen Kulturpflanze mehr Raum zur freien, vom Menschen weniger beeinflussten, Entwicklung geben. Z.B. ist ein biodynamischer Ansatz die Klangbehandlung (in diesem Fall mit Intervallen). Dabei werden dann spontane neue Phänomene, wie z.B. das Auftauchen einer roten Salatvarietät in einer grünen Salatpopulation als „Geschenk“ betrachtet und züchterisch weitergeführt. Ein anderes Beispiel ist das Auftreten einer weißen Beete in einer Population Roter Beete, die eine Klangbehandlung erfahren hat. Dabei wurde von der Züchterin dediziert der Begriff Mutation abgelehnt. Diese Form der Sprache war ihr nicht genehm. Als ausgebildeter Biologe finde ich diese Ablehnung biologischer Erklärungen durchaus problematisch und sie erzeugen in mir ein gewisses Unwohl.

Trotzdem finde ich diesen Ansatz spannend. Mittlerweile habe ich schon oft gelesen und gehört, dass viele schöne und spannende Sorten ganz ohne gezieltes Zutun von Züchtern entstehen (der biologische Erklärungs-Ansätze sind dann eine Einkreuzung, eine Mutation oder epigenetische Phänomene). Allerdings erfordert dies eine sehr genaue Beobachtung und Offenheit. Auch kann ich mir es nur sehr schwer vorstellen mich – wäre ich Züchter – ausschließlich auf diesen wartenden Ansatz zu beschränken. Der sogenannte evolutionäre Züchtungsansatz (Döring et al 2011) allerdings, welcher rein evolutionsbiologisch begründet wird, ist durchaus nicht unähnlich. Bei diesem Ansatz wird zwar am Anfang des Züchtungsprozess Vielfalt erzeugt, z.B. durch neue Kreuzungen. Danach aber wird nicht gezielt selektiert sondern die Züchtundspodukte werden in verschiedene Umwelten eingeführt, z.B. verschiedene klimatische Standorte oder aber verschiedene landwirtschaftliche Systeme (biologisch versus konventionell). Der Mensch wirkt dann indirekt selektiv durch die Gestaltung oder Auswahl der Umwelt der Kulturpflanzen. Der Kulturpflanze soll es durch das beibehalten einer gewissen Vielfalt in ihrer Population ermöglicht werden sich selbst an neue Umwelten anzupassen, statt durch den Menschen gezielt angepasst zu werden. Auch hier also wird der Pflanze mehr Raum gegeben.

Solche, durch einen evolutionären Züchtungsansatz erzeugte sogenannte Populationen (im Englischen auch als Composite Cross bezeichneten Varietäten) werden auch bei uns an der Universität Kassel/Witzenhausen untersucht (Brumlop et al 2017). Mittlerweile wurden von den Züchtern vom Dottenfelder Hof sogar Populationen beim Bundessortenamt zugelassen und es gibt ein Projekt zur Markteinführung von Weizen-Populationen in Hessen.

An dieser Position jedoch lassen sich einige kritische zu betrachtende Punkte finden. Menschen sind schließlich in der Lage vorausschauend zu handeln und gezielt Probleme zu lösen. Dies gilt auch für die Züchtung. Wenn es also in der Landwirtschaft Probleme gibt, die sich durch eine Anpassung der Kulturpflanzen lösen lassen, ist ein alleiniger evolutionärer Züchtungsansatz – aus meiner Sicht – bereichernd aber zu wenig. Sicherlich können so Eigenschaften und Anpassungen entstehen, die der Mensch nicht durch gezielte Züchtung gefunden hätte. Trotzdem müssen Kulturpflanzen in unserer Landwirtschaft viele Anforderungen gleichzeitig erfüllen. Und diese Ändern sich auch mit erheblicher Geschwindigkeit. Dazu gehören die ständig evolvierenden Krankheitserreger, ein sich änderndes Klima aber auch neue Ansprüche (z.B. an die Ernährungsphysiologische Gesundheit) oder Vorlieben (ästhetischer oder geschmacklicher Art) der Menschen.

Die biologisch-genetische Engführung von Sorten oder auch Kulturen in unserer Agrarlandschaft ist aber in jedem Fall ein Problem. Solche Systeme sind – sollen sie gegen Umweltstörungen stabil sein – absolut abhängig von vielen externen Inputs, wie Pflanzenschutzmitteln (Pestizide, Herbizide) und Wachstumshemmern (diese verhindern das der Winterraps zu groß in den Winter geht und erfriert).

Der Agrarökologische Ansatz, dass Vielfalt das Agrar-System von innen heraus stabilisiert, ist hier eine wichtige Alternative. Allerdings kann diese Vielfalt durch sehr verschiedene Ansätze erzeugt werden.

Neben diesen Einsichten habe ich auch sehr interessantes Saatgut von einem Teilnehmer bekommen. Dabei handelt es sich um einen samenfesten Zuckermais. Dieser wurde von den Schweizer Züchtern Sativa durch eine Kreuzung aus vielen Hybrid-Maisssorten erzeugt. Herausgekommen sind gelbe Zuckermaissorten, die auch als Sorten angemeldet wurden. Bei dem Saatgut, welches ich bekommen habe, handelt es sich aber um einen weißen Zuckermais, der nicht angemeldet wurde. Im nächsten Sommer landet dieser dann in der Erde irgendwo in einem Witzenhausener Garten (bisher habe ich hier leider noch keinen Garten).

Ich bedanke mich bei den Kursleiterinnen, Züchterinnen und Teilnehmerinnen (und auch den Männern) für die tollen Einsichten und Anregungen.

Literatur

Brumlop, S., Pfeiffer, T., & Finckh, M. R. (2017). Evolutionary Effects on Morphology and Agronomic Performance of Three Winter Wheat Composite Cross Populations Maintained for Six Years under Organic and Conventional Conditions. Organic Farming, 3(1), 34-50.

Döring, T. F., Knapp, S., Kovacs, G., Murphy, K., & Wolfe, M. S. (2011). Evolutionary plant breeding in cereals—into a new era. Sustainability, 3(10), 1944-1971.

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