Mischkulturen in der Wertschöpfungskette: von französischen Landwirten, Kooperativen und Raps

IMG_7733Rapsanbau in Monokultur in Nord-Hessen. Der Rapsanbau hat mit erheblichen Problemen im Pflanzenschutz zu kämpfen.


Die letzten Tage war ich Ancenis in West-Frankreich auf einem Treffen im Rahmen des Remix-Projektes, bei dem sich alles um Mischkulturen dreht. Das Treffen fand im Hauptquartier der Terrena Kooperative statt, die auch Partner in dem Remix Projekt ist. Nach eigenen Angaben sind 29 000 Landwirte innerhalb der Terrena-Kooperative organisiert. Die Kooperative integriert die gesamte Wertschöpfungskette von der Saatgutproduktion und landwirtschaftlichen Beratung über die Getreide- und Gemüse-Produktion bis hin zur Logistik, Verarbeitung und Vermarktung.

Ein zentrales Thema des Treffens war die Frage, wie sich Mischkulturen in die landwirtschaftliche Praxis bringen lassen. Mischkulturen sind ein vielversprechender Ansatz die landwirtschaftliche Produktion vielfältiger zu gestalten (zu diversifizieren). Dadurch könnten die für die landwirtschaftliche Produktion benötigten Leistungen (Pflanzengesundheit, Düngung) zum Teil innerhalb des agrarökologischen Systems statt durch externe Betriebsmittel erzeugt werden.

Die Landwirtschaft ist allerdings nur ein Teil einer komplexen Wertschöpfungskette aus Saatgutproduktion, Pflanzenbau und Tierhaltung, Logistik, Verarbeitung, Einzelhandel und Konsumenten. Eine typisches Problem von Mischkulturen ist z.B., dass die verarbeitenden Betriebe die Lebensmittel oder Futter produzieren reine Zutaten verwenden und diese gegebenenfalls nach spezifischen Rezepten mischen. Dafür müssten die im Anbau gemischten Kulturen aber wieder aufgetrennt werden. Ein Beispiel dafür ist der Mischanbau von Linsen mit Hafer bzw. Leindotter.

Im Rahmen des Remix-Treffens haben Kollegen einen Workshop organisiert, in dem wir Menschen interviewen konnten, die in verschiedenen Bereichen der Wertschöpfungskette von Terrena arbeiten. Unter anderem wurden von uns Landwirte, Silo-Betreiber, Verarbeiter oder Manager befragt. Ziel war es, dass die Workshop-Teilnehmer die verschiedenen Perspektiven innerhalb der Wertschöpfungsstufen auf Mischkulturen verstehen und was diese für Chancen aber auch Probleme entlang der Wertschöpfungskette bieten.

Diversifizierter Rapsanbau in der Praxis

Meine Gruppe war bei einem konventionellen Landwirt, der seinen Rapsanbau diversifiziert hat. Der Landwirt baut eine Mischung zweier Rapssorten kombiniert mit einer Untersaat aus Wicke bzw. Klee an. Dabei werden eine frühe und eine späte Rapssorte kombiniert. Ziel ist es, dass die frühe Rapssorte den Rapsglanzkäfer abfängt und dann die späte Rapssorte verschont. Der Rapsglanzkäfer ist ein großes Problem im Rapsanbau und wird deswegen in der konventionellen Landwirtschaft mit einem erheblichen Einsatz an Insektiziden bekämpft.

Der Landwirt berichtete, dass er durch die Sortenmischung die Zahl der Pestizideinsätze reduzieren konnte. Der Ertrag bliebe weitgehend unverändert im Verhältnis zum Anbau mit nur einer Raps-Sorte. Die ökonomischen Einsparungen durch die Pestizidreduktion seien aber aufgrund der niedrigen Preise vernachlässigbar. Eine der wichtigsten Motivationen des Landwirtes die Pestizide zu reduzieren war es der Kritik der französischen Öffentlichkeit an Pestiziden entgegenzukommen. Die im Winter abfrierenden Untersaaten dienen hauptsächlich dafür die Bodenqualität zu verbessern (ein schnelleres Abtrocknen des Bodens in den feuchten Wintern dieser Region durch erhöhte Transpiration der Pflanzendecke).

Der Landwirt berichtete, dass Terrena ihn mit Saatgut, Sorten und technischen Anweisungen versorgte. Die Innovation des Mischanbaus kam in diesem Fall also als ein „Gesamtpaket“ (Wissen und materiellen Betriebsmitteln) von Terrena.

Auf die Frage, welche weiteren Mischungen in seinem Betrieb denkbar seien, antwortete er, dass er sich den Anbau von Mischungen zum Füttern seiner Hühner vorstellen könnte. Allerdings verlange Terrena vertragsgemäß eine ganz spezifische Fütterung, so dass sich das nicht so einfach ändern ließe. In Fall der Raps-Mischung scheint es sich also eher um eine top down Innovation zu handeln während für Innovation von Seiten des Landwirtes nicht so viel Raum ist. In Frankreich gibt es schon einen längeren politischen und öffentlichen Prozess den Pestizideinsatz zu reduzieren. Terrena hat diese „Anregungen“ einer Pestizidreduktion in seine Strategie aufgenommen und an die Landwirte weitergegeben.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass in dem Fall der Raps-Mischung die nachfolgenden Teile der Wertschöpfunskette nicht betroffen waren, da z.B. keinerlei Aufreinigung des Erntegutes erfolgen muss.


Das Terrena-Hauptquartier in Ancenis.

Verschiedene Eintrittsbarrieren und Strategien für Mischkulturen in der Wertschöpfungskette

Anhand dieses Beispiels lassen sich verschiedene alternative Strategien zur Einführung von Mischkulturen in die Praxis erkennen. Am einfachsten bzw. für die Wertschöpfungskette mit den geringsten Herausforderungen verbunden sind Mischungen, deren Leistungen innerhalb des landwirtschaftlichen Betriebes genutzt werden. Dazu gehören Mischungen aus Zwischenfrüchten, Untersaaten, Futtermittel die im eigenen Betrieb verwendet werden oder auch Mischungen aus Sorten wie beim Raps. Voraussetzungsvoller sind Mischkulturen, die vor der weiteren Vermarktung getrennt werden müssen. Eine weitere Option wäre es, die Mischkulturen auch als solche zu Verarbeiten und eventuell auch zu vermarkten (z.B. proteinreiches Mehl aus Getreide und Hülsenfrüchten). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dieser Workshop spannende Einsichten in die Wertschöpfungskette und Mischkulturen gegeben hat.

Zunehmende Aufmerksamkeit für Mischkulturen

Es scheint sich außerdem einiges in Richtung Mischkulturen und Diversifizierung zu tun. Mittlerweile gibt es eine Reihe von EU-Projekte die sich mit diesem Thema beschäftigen und auch das Bundesamt für Naturschutz hat ein interessantes Projekt mit einem Verarbeitungsbetrieb zum Mischanbau von Erbsen und Leindotter. Bei dem französischen Landwirt waren kurz vor unserer Besuchergruppe auch eine Gruppe von acht französischen Journalisten, die an dem Thema interessiert waren. Außerdem war auch ein Journalist des Wissenschaftsmagazins Science bei dem Treffen, um sich über Diversifizierung und Mischkulturen zu informieren.

Von dem Treffen in Ancenis nehme ich einige Inspirationen mit nach Witzenhausen, insbesondere die genauere Betrachtung der Wertschöpfungskette.

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Gewusel von Journalisten und Wissenschaftlern im Rapsfeld des französischen Landwirtes.

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