Reduktion und Infusion von Vielfalt: dialektische Evolution der Kulturpflanzen

Foto Links: Tomaten-Vielfalt. Autor des Fotos ist das Informations- und Koordinationszentrum für Biologische Vielfalt (IBV) der BLE, Quelle Wikipedia.


Wo man auch hinsieht überall gibt es Lobgesänge auf die Vielfalt und insbesondere die biologische Vielfalt. Biologische Vielfalt sei die Grundlage für natürliche Ökosysteme, für Agrarsysteme, unsere Lebensmittel und damit das menschliche Leben und die gesamte Gesellschaft überhaupt. Ich selbst engagiere mich im VEN für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt und arbeite im Rahmen eines Projektes an der Universität Kassel, welches sich der Frage widmet, wie man wieder mehr Kulturpflanzenvielfalt in die Landwirtschaft integrieren kann. Ich bin durchaus überzeugt, dass diese Engagements Sinn machen aber trotzdem, ich komme nicht darum herum diese kritische Frage zu stellen: Ist die biologische Vielfalt – insbesondere bei den Kulturpflanzen – tatsächlich so zentral wie es scheint?

Biologische Vielfalt als gesellschaftliches Phänomen und Brückenkonzept

Die enorme Bedeutung der biologischen Vielfalt in der gesellschaftlichen Debatte sollte hellhörig machen. Ein kritischer Betrachter kann – selbst wenn er wie ich ein Faible für die Kulturpflanzenvielfalt hat – dies nicht einfach als gegeben hinnehmen.

Die kritischen qualitativen Sozialwissenschaften bieten hier sehr hilfreiche Einsichten. Diese haben nämlich Konzepte entwickelt, um solche gesellschaftliche Debatten kritisch zu hinterfragen, bzw. wie der geneigte Sozialwissenschaftler sagen würde, diese zu „dekonstruieren“.

Demnach ist biologische Vielfalt kein rein naturwissenschaftliches Phänomen. Vielmehr kann es als ein Brückenkonzept (boundary object, Star and Griesemer 1989) bezeichnet werden, welches naturwissenschaftliche Aspekte mit gesellschaftlichen Werten verknüpft. Dadurch wird das naturwissenschaftliche Phänomen biologische Vielfalt einerseits positiv normativ aufgeladen und dadurch an gesellschaftliche und politische Debatten anschlussfähig gemacht. Mit anderen Worten es bekommt eine gesellschaftspolitische Relevanz und impliziert: handeln. Handeln gegen den Verlust der Vielfalt und für deren Erhaltung. Biologische Vielfalt als Brückenkonzept entstand in den 1980 Jahren zusammen mit der wissenschaftlichen Disziplin der Naturschutzbiologie (im Englischen conservation biology, Takacs 1996).

Prominente aktuelle Beispiele für Debatten in denen biologische Vielfalt als Brückenkonzept vermittelt, sind das Insektensterben oder der Verlust der Vogelvielfalt. Ein weiteres immer wiederkehrendes Thema ist der Verlust der Kulturpflanzenvielfalt. Diese normative Aufladung der biologischen Vielfalt ist keineswegs generell negativ zu bewerten aber sie sollte kritisch reflektiert werden, denn sie führt dazu negative und problematische Aspekte der Vielfalt zu vernachlässigen oder aber auch dazu biologische Vielfalt überzubewerten und andere (biologische) Aspekte von Evolution und Organismen zu vernachlässigen. Es entstehen Blinde Flecken.

Man kann die Vielfalt in gewisser Hinsicht sogar als eine Mode-Erscheinung betrachten. Man kann einfach einmal einen Blick in die Gemüse-Regale der Supermärkte werfen. In den letzten Jahren haben sich dort allerhand kuriose Tomatensorten breit gemacht, die man vorher nur in den Gärten einiger Hobby-Gärtner finden konnte. Auch die Kultivierung endlos vieler Sorten in Hobby-Gärten und Gemeinschaftsgärten (auch bei mir) kann man hinterfragen. Macht die Vielfalt hier Sinn? Ist ihr Sinn rein ästhetischer Natur oder pädagogischer? Vielfalt macht schon Sinn aber nicht immer und nicht immer in dem Ausmaße, wie oft praktiziert. Und manchmal ist es auch besser Vielfalt zu reduzieren, wie ich im Folgenden zeigen möchte.

Evolution und Züchtung als dialektischer Prozess aus Reduktion und Infusion von Vielfalt

Biologische Evolution und auch die Anpassung von Organismen an ihre Umwelt setzten als notwendige Grundlage biologische Vielfalt voraus. Das ist ein fundamentales Element der Evolutionstheorie. Die Evolution als Prozess allerdings erfordert genauso eine Reduktion der Vielfalt durch den Prozess der Selektion. Hierdurch werden die Organismen an die Umwelt angepasst.

Soll der evolutive Anpassungsprozess allerdings weitergehen, muss nach der Selektion wieder eine „Infusion“ mit neuer Vielfalt folgen, z.B. durch Mutation, genetische Rekombination oder Migration. Dieser wechselhafte Prozess der Infusion mit Vielfalt gefolgt von der Einschränkung der Vielfalt durch Selektion mit darauffolgender erneuter Infusion von Vielfalt macht evolutive Prozesse aus.

Dies gilt auch für die Züchtung und die Evolution der Kulturpflanzen. Harlan hat diesen wechselhaften Evolutionsprozess bei Kulturpflanzen als Differenzierungs-Hybridisierungszyklus bezeichnet. Heiko Becker, ein Professor für Züchtung von der Universität Göttingen bezeichnet diesen Prozess als rekurrente Selektion (Becker 2011, S. 13). Ich denke man kann Evolution und Züchtung als einen dialektischen Prozess verstehen also ein Wechselspiel von Zunahme (Infusion) und Reduktion der Vielfalt (in Anlehnung an Levins und Lewontin 1985).

Eine starke Verengung des Blickes auf die Vielfalt der Kulturpflanzen muss deshalb kritisch betrachtet werden. Jeder Züchtungsprozess ob der von Landsorten oder Elitesorten erfordert auch selektive Prozesse und damit eine Reduktion der Vielfalt.

Auslöschung von Vielfalt durch Vielfalt

Es gibt einen weiteren interessanten Aspekt. Jeder, der Saatgut selber produziert weiß, dass Vielfalt oft unerwünscht ist, z.B. dann, wenn man eine Sorte erhalten möchte. Dann möchte man verhindern, dass sich in diese Sorte eine andere Sorte einkreuzt, was ja eigentlich zu einer Zunahme der Vielfalt innerhalb dieser Sorte führen würde (es kommen neue Genvarianten bzw. Allele hinzu). Wenn ich aber eine rote süße Paprika haben möchte, will ich nicht unbedingt, dass sich in diese eine rote scharfe Chili einkreuzt (was leicht geschehen kann). Möglich wäre aber auch, dass sich unerwünschte Eigenschaften, wie die Anfälligkeit gegenüber bestimmten Krankheiten einkreuzen. Vielfalt kann also in gewissem Maße sogar zerstörerisch sein, wenn z.B. eine geliebte Sorte durch Einkreuzung einer anderen „verunreinigt“ oder bei starker Einkreuzung sogar ausgelöscht wird.

Auch in der Natur können genetische Durchmischungen z.B. die Anpassung von wilden Pflanzen an regionale Bedingungen verhindern, bzw. zunichte machen (sogenannte outbreeding depression) und in bestimmten Fällen können sogar ganze Arten durch Durchmischung ausgelöscht werden.

Vielfalt im eigenen Garten

Für den nächsten Sommer habe ich mir vorgenommen ein bisschen die Vielfalt in Sachen Tomaten und Chilis zu reduzieren. Dafür möchte ich mich mehr im Detail einigen wenigen Sorten widmen. Im  VEN wird gerade das Erhaltungskonzept überarbeitet und ich werde in diesem Rahmen ein oder zwei Sorten mit 6-12 Pflanzen anbauen. Idealerweise finde ich noch weitere GärnteInnen, die dieselben Sorten auch in ihren Gärten kultivieren. Hierdurch hätte man eine gute Grundlage für Beobachtungen der Vielfalt innerhalb der Sorten über mehrere Standorte und möglicherweise auch für die Selektion und damit für einen dialektischen Prozess 😉 .

Literatur

Becker, H. (2011). Pflanzenzüchtung. UTB.

Levins, R., & Lewontin, R. C. (1985). The dialectical biologist. Harvard University Press.

Star, S. L., & Griesemer, J. R. (1989). Institutional ecology,translations‘ and boundary objects: Amateurs and professionals in Berkeley’s Museum of Vertebrate Zoology, 1907-39. Social studies of science19(3), 387-420.#

Takacs, D. (1996). The idea of biodiversity: philosophies of paradise. The John Hopkins University Press, London.

2 Gedanken zu „Reduktion und Infusion von Vielfalt: dialektische Evolution der Kulturpflanzen

  1. Frank Krumphansl

    hallo

    kann mann bei ihnen bio tomaten und chilisamen kaufen

    bin interessiert an alten sorten für meinen garten

    mfg herr krumphansl

    ________________________________

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